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War Shakespeare ein Italiener? - Do., 18 Uhr UHG C01-244

Veröffentlicht am 16. April 2024

War Shakespeare ein Italiener?

Woher Shakespeares Italienkenntnisse kommen

Bildvortrag von Dr. Sabine Göttel

Sabine Göttel

William Shakespeare (1564-1616) – Dichter, Schauspieler und Theaterunter-nehmer in Personalunion – gilt als „Erfinder des Menschlichen“.

In der Tat: Kein Autor hat das Menschenbild der Neuzeit stärker geprägt als er. Und indem er die Rätselhaftigkeit des Menschen beschwor, bleibt auch er selbst ein Rätsel. Denn neben der Frage: War Shakespeare wirklich Shakespeare? treibt seine Anhänger etwas anderes um: Viele seiner Stücke spielen in Italien, obwohl der Elisabethaner das Land niemals belegbar bereist hat. Sind Shakepeares frappierende Italienkenntisse, die er in „Romeo und Julia“, „Der Kaufmann von Venedig“ und in vielen anderen Stücken durch präzise Ortsangaben beweist, der eigenen Anschauung oder reiner Imagination zu verdanken? War er selbst in Italien, oder kannte er das Land nur aus der damals boomenden Reiseliteratur? Oder aus Gesprächen in Londoner Tavernen? Und welche Rolle spielen diese Fragen für das Verständnis der einzelnen Stücke und des Shakespearschen Kosmos‘ allgemein?  Auf ihrer Reise durch Shakespeares Italien nimmt Sabine Göttel mit in eine immer wieder neu zu entdeckende literarische Welt.

Sabine Göttel wird seit einigen Jahren als herausragende Dichterin wahrgenommen: Neben vielen regionalen Preisen erhielt sie 2022 mit dem Kurt Sigel-Lyrik-Preis eine der renommiertesten Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum. 2024 folgt ... (pssst! Dieses Geheimnis wird nicht gelüftet. Spüren Sie es selbst auf!) Die herausragende Dichterin ist eine ebenfalls herausragende Literaturwissenschaftlerin, die auch interessierte Laien mitnimmt auf literarische Entdeckungsreisen.

Wann? - 18.04.2024, 18 Uhr

Wo? - Language Lounge des Fachsprachenzentrums der Universität Bielefeld, UHG C01-244

Eintritt - frei für alle, die interessiert sind

Eine Veranstaltung des FSZ und des Zentrums für Ästhetik der Universität Bielefeld

 

Bildnachweis: Bert Strebe

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Porträt Fabrice Jucquois, Französisch-Dozent

Veröffentlicht am 18. Oktober 2023

Interview mit Fabrice Jucquois, Französisch-Dozent

Nach einem Interview-Leitfaden von Miriam Goupille

Fabrice, woher kommst du genau?Fabrice Jucquois

Ich komme aus Belgien. Aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Brüssel. Das Dorf ist mittlerweile bekannt geworden, denn es gibt dort ein Schloss, in dem einige Filme gedreht wurden. Früher war das ein Dorf mit Kühen und Hühnern, und jetzt ist es eine schicke Location bei Brüssel geworden.
Mich hat das Dorf sehr geprägt, denn es gab diesen Kontakt mit der Natur. Nichts Theoretisches, sondern ein ganz unmittelbarer Kontakt. Man fühlt dort die Natur. Das ist eine andere Erfahrung, als man sie in einer Stadt machen kann.
Wir haben zwei grundsätzliche Arten uns zu bewegen. Horizontal und vertikal. Daraus besteht der Tanz. Horizontal, das schafft den Kontakt zur Erde. In der vertikalen Verfassung erleben wir etwas anderes. Ich würde sagen, dass das der Ausdruck einer Verbindung mit dem Theoretischen ist. Mich jedenfalls hat der Kontakt mit der Natur des Dorfes sehr geprägt.

Wie und wann kamst du nach Bielefeld?

Mit dem Auto. (Lachen) 2015. Ich bin mittlerweile 18 Mal umgezogen. Aufgrund meiner Tätigkeit als Künstler musste ich immer offen bleiben für die Linie, die die Kunst ins Leben zeichnete. Diese Linie hat mich nach Bielefeld gebracht. Als ich nach Bielefeld kam, öffnete sich ein neuer Weg für mich. Aber dazu später.

Gibt es etwas aus Belgien, was du hier vermisst? Und etwas, was du hier in Deutschland besonders schön findest?

Das sind zwei Fragen. Zu Nummer eins: Das erste, was ich vermisse, ist das Essen. Wer würde nicht gute Pralinen vermissen, nur um ein Beispiel zu nennen. Das zweite: Einfach in eine französischsprachige Bibliothek oder Buchhandlung zu gehen und ein bisschen zu lesen und zu träumen, in Büchern herumzustöbern, Zeit mit Literatur zu verbringen, die man entdecken möchte. Mein Ausweg: Die Bibliothek hinter mir ist voll mit Comics. (Wir sehen uns in Zoom). Das ist eine ganz spezifische Literaturform meines Heimatlandes.  Immer wieder greife ich in meine Sammlung, und ich öffne die Bücher, als wären sie unbekannt.
Warum nicht in die Uni-Bibliothek oder zu Thalia? Das ist keine französischsprachige Bibliothek oder Buchhhandlung, was normal ist, und ich kann mir nicht vorstellen, mich auf Deutsch in Autoren wie Rabelais, Montaigne, Corneille, Voltaire, Balzac, Zola, Hugo oder Char oder aktuellen französischsprachigen Autoren wie Khadra oder Maalouf wiederzufinden. Sprache ist ein Lied, das uns in eine imaginäre Welt entführen kann. Wenn ich den Vers von Racine in „Andromaque“, „Pour qui sont ces serpents qui sifflent sur vos têtes“ auf Deutsch lese, ergäbe sich „Für wen sind diese Schlangen, die über deinen Köpfen zischen.“ Die Alliteration mit diesem beharrlichen „S“ auf Französisch ist weg. In meinem täglichen Leben bin ich froh, das Zischen von Schlangen nicht zu hören. In der Literatur höre oder lese ich es gern.

Was finde ich in Deutschland besonders schön? Als Ausländer befinde ich mich in einer Situation von Dankbarkeit. Ich weiß, dass ich meine künstlerische Tätigkeit in meinem Heimatland nicht ausüben könnte. Die Theaterkultur in Belgien ist eine andere. Die Kulturpolitik ist eine andere.

Neben meiner Kultur lerne ich andere Länder kennen. Entdecken ist oft wunderbar und schön.

Hast du immer unterrichtet? Wenn nicht, was hast du vorher gemacht?

Ich bin davon überzeugt, dass man für das Unterrichten besondere Kenntnisse braucht. Ich könnte nicht Tanz oder Französisch unterrichten, wenn ich nicht diese tiefen Kenntnisse hätte. Die wichtigen Persönlichkeiten der Geschichte sind zum Beispiel in der Antike ausgezogen mit einem gebildeten Menschen an ihrer Seite. Alexander der Große hatte etwa Aristoteles als Ausbilder. Das ist die Vorstellung, die ich im Kopf habe. Zuerst muss jemand Kenntnisse integrieren, erst danach ist er reif dafür, Lehrer zu sein. Wieder möchte ich mich auf meine dörflichen Wurzeln beziehen. Zuerst kommt die Erde, die horizontale Bewegung. Dann folgt die Vertikale in die Theorie, um zurück auf die Erde zu wirken.

Ich habe 25 Jahre lang als Tänzer und Choreograph an vielen Theatern insbesondere in Deutschland und Österreich gearbeitet. Und nur, weil ich diese Erfahrung besitze, denke ich, dass ich etwas weitergeben kann. Natürlich darf man nicht zu lang warten, denn irgendwann kann man sich nicht mehr so gut bewegen.
Auf das Französische hat mich ein ganz anderer Weg vorbereitet. Wir sind von der Kultur unseres eigenen Landes durchdrungen. In Belgien lernen wir in der Schule, dass die belgische Revolution in einem Theater begann, wir rezitieren die Verse von du Bellay, Ronsard oder Baudelaire auswendig. Wir wissen, dass Verlaines Gedichte von de Gaulle verwendet wurden. Jedes Jahr erhielten wir eine Leseliste mit 10 Büchern zum Lesen für Januar und 10 für Juli. Was den Französischunterricht angeht, habe ich zunächst fremdsprachige Sänger ausgebildet, die auf Französisch singen mussten.
Eine der Gemeinsamkeiten zwischen Tanz und Französisch ist die Suche nach Kreativität. Ich erlaube mir eine kleine Anekdote aus meinem Philosophiestudium an der Universität. Für den Kurs Anthropologie mussten wir ein Essay zu einem der folgenden Themen schreiben: Sprache, Körper, Begier. Ich schlug daher vor, über Tanz zu schreiben „die Begier nach Sprache durch den Körper.“ Das Wissen, das wir erwerben oder weitergeben, ist ein Puzzle, das wir bauen oder dekonstruieren, um es anschließend wieder zusammenzusetzen.

Kannst du uns eine Anekdote über deine (ehemaligen) Studis erzählen? Es kann etwas Lustiges oder leicht Peinliches sein, das jedem von uns passieren kann.

Eine Sprache ist nicht nur eine Sprache, sondern eine Kultur mit sehr vielen verschiedenen Facetten. Filme, Literatur, Bilder, Tanz, Musik, Architektur, Essen, Humor, Politik... Gern stelle ich Künstler vor, zum Beispiel Sänger.

Nun finde ich ein Stück eines Sängers von 1980, bin voller Enthusiasmus und singe vor der Klasse mit. Und noch geprägt von dieser Begeisterung frage ich erwartungsvoll einen Studenten: Und, was ist dein Gefühl?  Magst du das?
Antwort: „Das ist ziemlich altmodisch.“ Und ich merke, wie mir die Begeisterung in den Keller (oder in die Kniekehlen?) rutscht.
Stell dir jetzt den Lehrer vor, der bis spät in die Nacht mit fiebrigem Eifer sucht, mit welchem Rap oder Slam er die Studierenden in der nächsten Unterrichtsstunde begeistern könnte!
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Porträt Hiroko Watanabe - Japanisch-Dozentin

Veröffentlicht am 18. Oktober 2023

Interview mit Hiroko Watanabe-Schmidt, Japanisch-Dozentin

Geführt von Susanne Hecht nach einem Interview-Leitfaden von Miriam Goupille

Liebe Hiroko, woher kommst du genau?

Ich komme aus Tokio. Aus Machida. Das ist eine Wohngegend mit viel Wald und Grün. Seit meinem dritten Schuljahr bin ich dort aufgewachsen. Vorher habe ich meine Kindheit in Osaka verbracht. Aber als meine Heimat, meine Herkunft, empfinde ich Tokio.


Wie und wann bist du nach Bielefeld gekommen?


1994 bin ich nach Bielefeld gekommen. Wegen der Familiengründung. Als ich mein Mikrobiologie-Studium beendet hatte, habe ich für zwei Jahre einen Platz als Hospitantin im Robert Koch-Institut in Berlin bekommen. Danach bin ich nach Frankfurt gegangen. Mit Mäusen wollte ich nichts mehr zu tun haben – die Mäuseversuche taten mir so weh –, und ich wollte mich beruflich völlig neu orientieren. Reisebüro. Das war mein Kontrastprogramm zur Mikrobiologie. In Frankfurt habe ich dann meinen Mann kennengelernt. Einen Bielefelder. Nach zwei Jahren Fernbeziehung mit hohen Telefon- und Reisekosten habe ich mir dann gesagt: Entweder Trennung oder Umzug. Und bin nach Bielefeld gezogen. Ich war 24. Und schon unsichtbar zu zweit mit meiner ersten Tochter. Mittlerweile promoviert sie in Molekularbiologie an der Uni Bielefeld.

Gibt es etwas aus Japan, was du hier vermisst? Und etwas, was du hier in Deutschland besonders schön findest?

Das Essen vermisse ich – und die Luftfeuchtigkeit. Feuchtigkeit ist nämlich gut für die Haut. Was das Essen angeht: Sieben Jahre lang habe ich deshalb Kochkurse an der VHS gegeben. Das war so ein Tischlein-deck-dich-Effekt: Ich habe die Arbeit verteilt und mich am Ende an den Tisch gesetzt.

Was mir in Deutschland gut gefällt: die Häuser. Deren Bauart. Die Stabilität. In Japan wird leicht und schnell gebaut. Ich lebe in einem 100 Jahre alten Haus mit dicken Wänden aus Stein. Da muss immer was renoviert werden. Das macht mir richtig Spaß. Im Garten pflanze ich Gemüse an und betreibe eine Imkerei. Auch das macht mir Spaß. In Tokio wäre das so nicht möglich. Da ist alles so dicht bebaut, dass man ohne eine Genehmigung zum Beispiel keine Bienen halten könnte. In Bielefeld kann ich es einfach anmelden.

Hast du immer unterrichtet? Wenn nicht, was hast du vorher gemacht?

Von 2011-13 habe ich ein Fernstudium „Japanisch als Fremdsprache“ gemacht. Danach habe ich zwei Jahre lang eine AG an einem Gymnasium geleitet. Dann gab es eine Pause. Dann habe ich 2018/19 mit Unterricht an der VHS angefangen und meine Methoden verfeinert, und jetzt bin ich an der Uni.

Kannst du uns eine Anekdote über deine (ehemaligen) Studis oder über Sprachkontakte erzählen? Es kann etwas Lustiges oder leicht Peinliches sein, das jedem von uns passieren kann.

Ja, mir fällt etwas ein. Während ich mit dir gesprochen habe, hast du da gesehen, dass ich die ganze Zeit nicke? - Ja. Nicht? - In der deutschen Kultur bedeutet das Zustimmung. Stimmt’s? Und in der japanischen Kultur bedeutet es nur: Ich habe dich gehört. Mehr nicht. Das führt manchmal zu Missverständnissen. Natürlich auch in der Familie. Stell dir meinen Mann vor: Du hast zugestimmt! – Ich: Wo denn?
Um diesen Unterschied zu bemerken, habe ich fast 20 Jahre gebraucht! Meinen Studenten kann ich jetzt sagen: „Passt gut auf! Nicken bedeutet bei uns gar nichts!!!!
Wenn wir zustimmen, dann müssen wir das unbedingt verbal ausdrücken mit einem „Hai“.
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Porträt Katharina Klee, Russisch-Dozentin

Veröffentlicht am 18. Oktober 2023

Interview mit Katerina Klee, Russisch-Dozentin

Geführt von Agata Kotowska nach einem Interview-Leitfaden von Miriam Goupille

 

Liebe Katerina, woher kommst du genau?

Ich komme von der Krim. Das ist eine wunderschöne Halbinsel im Schwarzen Meer. Dort habe ich meinen Uniabschluss gemacht. Aber ich habe an verschiedenen Orten gelebt: in einem Städtchen im Kaukasus-Gebirge bin ich geboren, in der kältesten Großstadt der Welt Jakutsk in Sibirien bin ich zur Schule gegangen, in Heidelberg habe ich ein Gaststudium absolviert, in Hong Kong habe ich sieben Jahre gelebt und Russisch und Deutsch an dortigen Universitäten unterrichtet.

Wie und wann kamst du nach Bielefeld?

Nach dem relativ langen Aufenthalt in China sind meine Familie und ich 2019 nach Deutschland zurückgekehrt und in Ostwestfalen ansässig geworden, weil auch mein Mann in dieser Region einen Arbeitsplatz hat. Die Universität Bielefeld kannte ich aber schon von früheren Besuchen. Im Jahre 2004 habe ich z.B. in der Uni-Bibliothek für einen wissenschaftlichen Artikel über die deutschen Dialekte recherchiert. Dies war meine erste Bekanntschaft mit der Universität und der Stadt Bielefeld.

Gibt es etwas auf der Krim, was du hier vermisst? Und etwas, was du hier in Deutschland schön findest?

Ich vermisse das Schwarze Meer und das mediterrane Klima natürlich! Die Krim ist relativ klein, aber in ihren Landschaftsformen sehr vielfältig.
Deutschland ist meine zweite Heimat geworden, hier mag ich sehr viel. Besonders schön finde ich die Advents- und Weihnachtszeit: die festlich geschmückten Städte, die traditionellen Weihnachtsmärkte und die feierliche Atmosphäre.
Ich schätze selbstverständlich auch die freie, offene, demokratische Gesellschaft in Deutschland sehr und dass mittlerweile hier auch sehr viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Herkunftsländern und Kulturen eine Heimat gefunden haben. Die zentrale geographische Lage in Europa ermöglicht es auch, die vielen interessanten und schönen Nachbarländer relativ schnell und leicht zu erreichen. Europa hat einen phantastischen kulturellen Reichtum!
Außerdem weiß ich auch die deutsche Ordnung zu schätzen, die einem im Alltag vieles erleichtert und ein größeres Maß an Sicherheit und Stabilität gibt!

Hast du immer unterrichtet? Wenn nicht, was hast du vorher gemacht?

Ich war immer in diesem Bereich tätig. Seit dem Universitätsabschluss 2001 unterrichte ich die Sprachen Russisch und Deutsch (DaF). Ich interessiere mich aber auch sehr für Innenarchitektur. Deswegen habe ich ein Fernstudium in dem Bereich abgeschlossen und Praktika gemacht.

Kannst du uns eine Anekdote über deine (ehemaligen) Studenten des FSZ erzählen? Es kann etwas Lustiges oder leicht Peinliches sein, das jedem von uns passieren kann.

Die Wortbetonung ist von großer Bedeutung in der russischen Sprache.  Und man muss da sehr aufmerksam und vorsichtig sein. Wir haben im Unterricht ein neues Verb „schreiben“ konjugiert und jeder sollte einen Satz mit dem Verb bilden. Ein Kursteilnehmer meldete sich und sagte auf Russisch „ich möchte viel aufs Klo“. Ich wusste nicht, wie ich reagieren soll und habe nichts gesagt. Dann hat er seinen Satz ganz laut wiederholt und alle haben gelacht. Eigentlich wollte er sagen „ich möchte viel schreiben“. Die falsche Betonung im Wort hat aber den ganzen Sinn des Satzes auf den Kopf gestellt.
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Porträt Vincenzo Picozzi

Veröffentlicht am 22. Mai 2023

Interview mit Vincenzo Picozzi, Italienisch-Dozent

Geführt von Susanne Hecht nach einem Interview-Leitfaden von Miriam Goupille

Vincenzo, caro, woher kommst du genau?

Ich komme aus der Toscana. Ich bin nah am Meer geboren. In einem großen Dorf, das Grosseto heißt. Während meines Studiums habe ich dann in Siena gewohnt. Das liegt im Binnenland. Außerdem war ich drei Jahre während der Grundschule in Geilenkirchen, NRW. Mein Vater arbeitete einige Jahre in Deutschland. Deshalb habe ich meine Schullaufbahn in Nordrheinwestfalen begonnen. Wenn ich mich zur Schule aufmachte, ging ich durch einen Wald. Und wenn es regnete, spielten die deutschen Kinder in den Pfützen - und die italienischen Mütter konnten es kaum fassen. Die italienischen Kinder, fein gemacht als trügen sie Schuluniformen, wie es in Italien üblich war, durften das nicht. Ich wollte auch gern in den Pfützen spielen, und am Ende gab meine Mutter nach.
Daher komme ich: aus Grosseto, aus deutschen Pfützen und Wäldern, und aus dem Meer.

Wie und wann bist du nach Bielefeld gekommen?

Nach dem Schulanfang in Geilenkirchen bin ich zurück nach Grosseto. Da habe ich die Grundschule und das Liceo linguistico abgeschlossen. Nach dem Abitur habe ich die Università per Stranieri in Siena besucht. Während des Bachelor-Studiums habe ich einen Erasmus-Aufenthalt in Freiburg gemacht. Nach dem Master-Abschluss bin ich im Rahmen eines EU-Projektes 2016 nach Bayern gegangen.Das Projekt hieß "RiUscire". Wir produzierten didaktisches Material, um junge Gefängnisinsassen auf ein Leben nach dem Gefängnis vorzubereiten. Dann habe ich als Lehrbeauftragter in Bamberg gearbeitet. Durch den ADI (Associazione docenti d'italiano in Germania) habe ich Prof. Dr. Daniel Reimann von der Universität Duisburg- Essen (heute Humboldt-Uni-Berlin) kennengelernt, und er hat mir ein Doktorat zum Thema "Sprachmittlung im Fremdsprachenunterricht in NRW" angeboten. So habe ich 2018 mein Dissertationsprojekt in Essen begonnen. Und dort lebe ich heute. In Bielefeld unterrichte ich meist in Zoom.

Gibt es etwas aus Italien, was du in Deutschland vermisst? Und etwas, was du hier in Deutschland besonders schön findest?

Die italienische Küche, das mediterrane Klima und das Meer fehlen mir am meisten. Vor allem in den grauen Wintermonaten.
Allerdings muss ich sagen, dass ich mit meiner Erfahrung als Grundschüler in NRW nichts an meinem Leben ändern mögen würde. Ich fühle mich in NRW zu Hause. Und da Essen eine große und vielfältige Stadt ist, gibt es jede Menge Gaumenfreuden unterschiedlichster Art in dieser diversen Stadt. In Essen gefällt mir wirklich die Multikulturalität. Essen ist eine wirklich moderne Stadt mit einer Gesellschaft, die ihren Strukturwandel auf bewundernswerte Weise in die Hand nimmt. Es ist auch eine grüne Stadt. Meiner Meinung nach hat Essen das Flair einer Metropole. Meine Freunde hier sind meine zweite Familie. Ich glaube nicht, dass ich Essen einmal verlassen werde.

Hast du immer unterrichtet? Wenn nicht, was hast du vorher gemacht?

Ich habe immer unterrichtet. Diese Leidenschaft habe ich immer gehabt. Meine Mutter ist Lehrerin. Ich habe es wohl im Blut. Auch mein Bruder ist Lehrer.

Kannst du uns eine Anekdote über deine (ehemaligen) Studis oder über Sprachkontakte erzählen? Es kann etwas Lustiges oder leicht Peinliches sein, das jedem von uns passieren kann.

Ein Wort, das im Italienischunterricht oft verwechselt wird, ist carne (Fleisch). Stattdessen sagen Deutsche oft cane (Hund). Ein klassischer Fehler: "Gestern habe ich Fleisch gegessen" wird zum Hund, den du verspeist hast, weil du nach typisch deutscher Art das 'r' vokalisiert hast. Die Deutschen sind sich nicht bewusst, dass man das 'r' im Italienischen immer artikulieren muss.

Was mir selbst dagegen mal auf Deutsch passiert ist: Als ich, nach dem Masterabschluss frisch in Deutschland, im DM-Markt in Bamberg eine Zahnbürste suchte, habe ich versehentlich nach "Zahnbrüste?" gefragt. Die Verkäuferin hat mich angeschaut, als hätte ich sie gerade sehr beleidigt, und ist einfach weggegangen. Ich war mir nicht bewusst, was da passiert war und habe weiter Zahnbrüste gesagt, bis eine Freundin mich darauf aufmerksam gemacht hat. "Weißt du eigentlich, was du da sagst?" - "Wieso" - "Es heißt Zahnbürste". "Bürste - Brüste - das ist doch wirklich kein großer Unterschied.", meinte ich. Damals wusste ich nämlich nicht was "Brüste" bedeutet. Wir mussten beide sehr lachen, als sie mir den kleinen Unterschied klar machte.

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Portät Eguizel Morales Ramirez

Veröffentlicht am 11. Mai 2023

Interview mit Eguizel Morales Ramirez, Spanisch-Dozentin

Geführt von Susanne Hecht nach einem Interview-Leitfaden von Miriam Goupille

Liebe Eguizel, woher kommst du genau?

Ich komme aus einem kleinen Dorf, El Chal, im Norden von Guatemala. Die Region heißt El Peten. Sie liegt zwischen Mexiko und Belize. Es ist eine Maya-Region. Wir haben dort Regenwald. Es ist sehr grün. Es gibt viele Flüsse, viele Maya-Stätten aus verschiedenen Zeitperioden.
In meinem Dorf bin ich mit meiner Mutter und drei Geschwistern aufgewachsen. Ich kann sagen, dass es ein schönes Dorf ist. Es gibt viele Vulkane in Mittelamerika. Die Stadt Antigua Guatemala ist zum Beispiel wie eingerahmt von zwei Vulkanen. Ein tolles Panorama!

Guatemala ist ein multilinguales Land. Spanisch ist die Einheitssprache, aber die indigenen Sprachen existieren weiter. 22 unserer 25 Sprachen sind Maya-Sprachen (wie Mam, Kaqchiquel, Kiche' oder Q'eqchi', was auch ich früher gut sprechen konnte). Dann gibt es Garifuna, eine Sprache afrikanischen Ursprungs, die über den Sklavenhandel nach Guatemala gekommen ist. Im Osten von Guatemala sind die Xinca ansässig. Die Xinca-Sprache ist ebenfalls eine indigene Sprache und besitzt keine Verbindung mit den Maya-Sprachen.

Guatemala bildet eine Passage zwischen Südamerika und Nordamerika. Das führt zu nennenswerten Migrationszügen aus Südamerika durch Guatemala, etwa aus Honduras, Peru, El Salvador. Vermutlich leben ca. 17 Mio. Einwohner in Guatemala. Die letzte Volkszählung gab es 2002. Deshalb weiß man nicht so genau, wie viele Leute dort wohnen. Von den geschätzten 17 Mio leben ca. 3 Mio in den USA. Die privaten Geldsendungen aus den USA sind der wichtigste Wirtschaftsfaktor für Guatemala, das ansonsten überwiegend von der Landwirtschaft lebt (Kaffee, Bananen, Zucker). Mais und Schwarzbohnen sind das Hauptnahrungsmittel in Guatemala.

Wie und wann bist du nach Bielefeld gekommen?

Mein Mann, der ein indigener Aymara aus den chilenischen Anden ist, der Theologie studiert hat, hatte während seines Studiums einen deutschen Professor in Costa Rica kennengelernt. 15 Jahre später ist er ihm in Santiago de Chile wiederbegegnet. Der Professor bot ihm eine Dissertationsstelle an der Uni Bielefeld an. So kam mein Mann nach Bielefeld - während ich als Religions- und Spanisch-Lehrerin an einer chilenischen Schule arbeitete. Parallel machte ich einen Master in Sozialpsychologie. Nach eineinhalb Jahren bin ich meinem Mann dann nach Bielefeld gefolgt, habe Deutsch gelernt und ein Jahr lang Freiwilligendienst in der Laborschule gemacht. Das war eine sehr wichtige Lebenserfahrung für mich. Ich habe mit Kindern von 9 bis 12 gearbeitet.
2016 ging mein Mann nach dem Abschluss seiner Promotion als Dozent zurück nach Peru an ein theologisches Seminar in den Anden, während ich in Bielefeld geblieben bin und an der erziehungswissenschaftlichen Fakultät in Kooperation mit der Fachhochschule Bielefeld zum Thema Migration und Bildung promoviere. Ich arbeite über Bildungsverläufe von Kindern in Guatemala, deren Eltern ausgewandert sind. Die Kinder wurden zurückgelassen. Eine sehr schwierige Situation für die Kinder. Selbst für mich als Erwachsene ist die räumliche Trennung von meinem Mann nicht einfach. Wir können zwar täglich Video-Calls machen, aber natürlich vermisse ich ihn. Allerdings liegt mir daran, dass er sich, genauso wie ich, beruflich verwirklichen kann. Für einen Indigenen ist die wissenschaftliche Laufbahn, die er hat einschlagen können, nicht selbstverständlich. Indigene waren lange von einer Universitätskarriere ausgeschlossen. Mein Mann hat so viele Hürden genommen. Er muss das weitermachen! Das ist auch mir wichtig.

Gibt es etwas aus Guatemala, was du in Deutschland vermisst? Und etwas, was du hier in Deutschland besonders schön findest?

Es ist komisch. Ich bin in Deutschland, und ich vermisse Guatemala. Die Familie, das Essen, die Freunde, die Natur, die Flüsse... Aber wenn ich in Guatemala bin, vermisse ich Deutschland. Wie schön es ist. Weihnachten zum Beispiel, mit den vielen Lichtern, dem Weihnachtsbaum, dem Gebäck. Und die persönliche Sicherheit. Als Frau kann ich mich in Deutschland nachts frei bewegen. Ich gehe allein durch den Wald und fühle mich sicher. Und diese Art von Respekt, den ich hier erfahre. Mein Mann sagte immer: Ich fühle mich als Indigener so gut in Deutschland. Es gibt da keine Diskriminierung mir gegenüber. So ist das auch für mich. Ich kann anziehen, was ich will. Niemand schaut mich komisch an. Das ist eine Freiheit, die ich vermisse, wenn ich in Guatemala bin. Das Klima ist dagegen ein schwieriges Thema. Die deutsche Dunkelheit, die es häufig gibt, macht mich ein bisschen traurig. Im Winter raubt mir die schwere Bekleidung regelrecht den Atem.

Hast du immer unterrichtet? Wenn nicht, was hast du vorher gemacht?

Wie gesagt habe ich in Guatemala Spanisch unterrichtet, war auch für Menschenrechtsbewegungen tätig und habe mich um Frauenrechte gekümmert, Alphabetisierungsunterricht gegeben. Wie man sieht: Ich war immer im Bildungsbereich tätig. Schon als Kind habe ich als Tochter einer Analphabetin gedacht, dass Bildung Türen öffnen kann. Ich bin die erste nicht nur aus meiner Familie, sondern auch aus meinem Dorf, die einen Universitätsabschluss hat.

Kannst du uns eine Anekdote über deine (ehemaligen) Studis oder über Sprachkontakte erzählen? Es kann etwas Lustiges oder leicht Peinliches sein, das jedem von uns passieren kann.

Einmal wollte ich im Unterricht einen Witz erzählen. Ich musste nach den rechten deutschen Worten suchen, habe mich totgelacht - aber ich war die einzige. Es ging um ein Obst aus Guatemala, Nance. Diese Frucht hat drei Haare. Wir sagen: Drei Haare im A.... Leider kennt man diese Frucht in Deutschland nicht. Man kann unsere Heiterkeit darüber leider nicht nachvollziehen. Zu Witzen gehören nun mal einschlägige Erfahrungen. Das habe ich bei der Gelegenheit wirklich erfahren können.

Und noch was: Wenn wir kochen, dann sagen wir: ein bisschen davon, ein Stück hiervon, ein wenig länger kochen oder nur ganz kurz. - Ihr braucht Gramm- und Liter-Angaben, Minuten und Stunden. Alles abgezählt. Das gibt es in guatemaltekischen Küchen nicht.

Apropos zählen: Zähl doch mal an den Fingern ab: 1 - 2 - 3.
Du fängst mit dem Daumen an? - Komisch. Das klappt doch gar nicht! Wir machen das anders: Kleiner Finger - Ringfinger - Mittlefinger. Probier mal! Wie klappt das?


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Ink Drop - new edition

Veröffentlicht am 20. April 2023

The new issue of Ink Drop is here! 

Creative texts from our students.

Read it here: Ink Drop #2


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Porträt Stanislao Macarone Palmieri

Veröffentlicht am 20. Oktober 2022

Interview mit Stanislao Macarone Palmieri, Italienischlehrer


Geführt von Susanne Hecht nach einem Interview-Leitfaden von Miriam Goupille


Stanislao, caro, woher kommst du genau?

Geboren und aufgewachsen bin ich in Piano di Sorrento, einer wunderschönen Stadt in der Provinz Neapel. Bis 2015 habe ich da gewohnt. Seitdem bin ich unterwegs. War 6 Monate in München in einer Sprachschule tätig, in Basel in der Schweiz auch zum Deutsch-Perfektionieren. Aber das war die falsche Stadt. Das falsche Land. Schwitzerdütsch geht anders als Deutsch. Hat aber trotzdem Spaß gemacht. Seit 2021 bin ich nun in Lindau am Bodensee.

Wie und wann bist du nach Bielefeld gekommen?

Ich war niemals in meinem Leben in Bielefeld. Eigentlich hatte ich mich 2020 auf eine Stelle an der Universität beworben. Wegen Corona gab es aber gar nichts, und ich habe stattdessen eine Stelle an einer Sprachschule in Lindau angenommen. Dann erreichte mich 2022 eine E-Mail vom FSZ Bielefeld, ob ich an einem Lehrauftrag interessiert wäre. Und so unterrichte ich jetzt per Zoom in Bielefeld.

Gibt es etwas aus Italien, was du in Deutschland vermisst? Und etwas, was du hier in Deutschland besonders schön findest?

Das Essen erstmal. Meine Familie zweitens. Und auch die allgemeine Mentalität oder wie man hier arbeitet. In Italien ist das ein bisschen spontaner. Es wird nicht alles geplant. Hier zum Beispiel, wenn ich sonntags einkaufen will, dann kann ich das nicht. Das ist wirklich anders.
Wenn es um die Arbeit geht, gefällt mir, dass in Deutschland alles organisiert wird. Dir wird gesagt, was du machen musst. Es gibt keine Überraschungen. Das gefällt mir sehr gut. Auch die öffentlichen Verkehrsmittel funktionieren gut.
Und am Bodensee gefällt mir natürlich der See. Im Sommer schwimmst du im See und siehst den Schnee auf den Alpen. Das ist wirklich traumhaft. In 10 Minuten bin ich in Österreich und in 20 Minuten bin ich in der Schweiz. Das finde ich auch wirklich gut. Die Sprachunterschiede sind sehr deutlich. Und Vorarlberg, zum Beispiel, ist viel grüner als Lindau. Und in der Schweiz merkst du den Unterschied zudem klar in den Preisen. Aber die Schweiz ist auch wunderschön.
Ich wandere sehr gerne. Bin sehr gern in der Natur. Auch allein. Ich laufe ohne Musik, ohne Kopfhörer. Wenn ich in der Natur bin, möchte ich die Natur anhören. Sonst nichts. Bei Gelegenheit mache ich auch gern ein bisschen Gymnastik und Kraftübungen in der Natur. Wenn ich alleine bin, denn ich bin da etwas schüchtern und mag nicht, wenn mich jemand beobachten kann. In Italien mache ich das nicht im Freien, sondern im Fitness-Studio. In Italien habe ich weniger Zeit für mich selbst. In Deutschland habe ich keine Familie und nicht so viele Freunde. Da hab ich mehr Möglichkeiten, draußen für mich allein zu sein.

Hast du immer unterrichtet? Wenn nicht, was hast du vorher gemacht?

Ich hab schon immer unterrichtet. Nach meinem Übersetzungsstudium in Deutsch und Englisch in Neapel an der Orientale habe ich angefangen, an der Otto Friedrich-Universität in Bamberg Italienisch zu unterrichten. Das war 2015. Dann Italienisch und Deutsch in einer Sprachschule in München. Online habe ich zudem an einer privaten Sprachschule in Berlin unterrichtet.
Nach dem Studium habe ich recht schnell verstanden, dass ich lieber in Kontakt mit Menschen bin als einsam am Schreibtisch zu übersetzen. Ich finde es auch schön, Botschafter meines Landes zu sein. Ich bin stolz darauf, dass ich aus Neapel komme. Ich finde meine Stadt wunderschön, und ich nutze die Erfahrung meiner Herkunft auch für den Unterricht.

Kannst du uns eine Anekdote über deine (ehemaligen) Studis oder über Sprachkontakte erzählen? Es kann etwas Lustiges oder leicht Peinliches sein, das jedem von uns passieren kann.

Ich hatte in München Italienisch unterrichtet, und in einem privaten Kurs hatte ich zwei sehr alte Damen, die gut Italienisch sprachen. Wir haben viel miteinander gelacht und über alles Mögliche gesprochen. Ich habe die Familien der beiden kennengelernt, sie besucht. Es war nur ein Italienischkurs, aber am Ende wurde ich wie ein Enkelkind bei ihnen und ihren Familien aufgenommen. Das war schön.

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FSZ literary journal "Ink Drop"

Veröffentlicht am 10. Oktober 2022

FSZ literary journal "Ink Drop", Issue No. 1

The first issue of Ink Drop, the FSZ literary journal, is available now!  The result of student work from our "Creative Writing in English" course. Ink Drop highlights some of our most talented students and their fiction, non-fiction, poetry, drama, and photography. Enjoy! You can reach us at inkdrop@uni-bielefeld.de.

https://uni-bielefeld.sciebo.de/s/v6SgguL766JHE1h
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Porträt Hiroko Watanabe

Veröffentlicht am 31. August 2022

Interview mit Hiroko Watanabe-Schmidt

Geführt von Susanne Hecht nach einem Interview-Leitfaden von Miriam Goupille

Liebe Hiroko, woher kommst du genau?

Ich komme aus Tokio. Aus Machida. Das ist eine Wohngegend mit viel Wald und Grün. Seit meinem dritten Schuljahr bin ich dort aufgewachsen. Vorher habe ich meine Kindheit in Osaka verbracht. Aber als meine Heimat, meine Herkunft, empfinde ich Tokio.


Wie und wann bist du nach Bielefeld gekommen?


1994 bin ich nach Bielefeld gekommen. Wegen der Familiengründung. Als ich mein Mikrobiologie-Studium beendet hatte, habe ich für zwei Jahre einen Platz als Hospitantin im Robert Koch-Institut in Berlin bekommen. Danach bin ich nach Frankfurt gegangen. Mit Mäusen wollte ich nichts mehr zu tun haben – die Mäuseversuche taten mir so weh –, und ich wollte mich beruflich völlig neu orientieren. Reisebüro. Das war mein Kontrastprogramm zur Mikrobiologie. In Frankfurt habe ich dann meinen Mann kennengelernt. Einen Bielefelder. Nach zwei Jahren Fernbeziehung mit hohen Telefon- und Reisekosten habe ich mir dann gesagt: Entweder Trennung oder Umzug. Und bin nach Bielefeld gezogen. Ich war 24. Und schon unsichtbar zu zweit mit meiner ersten Tochter. Mittlerweile promoviert sie in Molekularbiologie an der Uni Bielefeld.

Gibt es etwas aus Japan, was du hier vermisst? Und etwas, was du hier in Deutschland besonders schön findest?

Das Essen vermisse ich – und die Luftfeuchtigkeit. Feuchtigkeit ist nämlich gut für die Haut. Was das Essen angeht: Sieben Jahre lang habe ich deshalb Kochkurse an der VHS gegeben. Das war so ein Tischlein-deck-dich-Effekt: Ich habe die Arbeit verteilt und mich am Ende an den Tisch gesetzt.

Was mir in Deutschland gut gefällt: die Häuser. Deren Bauart. Die Stabilität. In Japan wird leicht und schnell gebaut. Ich lebe in einem 100 Jahre alten Haus mit dicken Wänden aus Stein. Da muss immer was renoviert werden. Das macht mir richtig Spaß. Im Garten pflanze ich Gemüse an und betreibe eine Imkerei. Auch das macht mir Spaß. In Tokio wäre das so nicht möglich. Da ist alles so dicht bebaut, dass man ohne eine Genehmigung zum Beispiel keine Bienen halten könnte. In Bielefeld kann ich es einfach anmelden.

Hast du immer unterrichtet? Wenn nicht, was hast du vorher gemacht?

Von 2011-13 habe ich ein Fernstudium „Japanisch als Fremdsprache“ gemacht. Danach habe ich zwei Jahre lang eine AG an einem Gymnasium geleitet. Dann gab es eine Pause. Dann habe ich 2018/19 mit Unterricht an der VHS angefangen und meine Methoden verfeinert, und jetzt bin ich an der Uni.

Kannst du uns eine Anekdote über deine (ehemaligen) Studis oder über Sprachkontakte erzählen? Es kann etwas Lustiges oder leicht Peinliches sein, das jedem von uns passieren kann.

Ja, mir fällt etwas ein. Während ich mit dir gesprochen habe, hast du da gesehen, dass ich die ganze Zeit nicke? - Ja. Nicht? - In der deutschen Kultur bedeutet das Zustimmung. Stimmt’s? Und in der japanischen Kultur bedeutet es nur: Ich habe dich gehört. Mehr nicht. Das führt manchmal zu Missverständnissen. Natürlich auch in der Familie. Stell dir meinen Mann vor: Du hast zugestimmt! – Ich: Wo denn?
Um diesen Unterschied zu bemerken, habe ich fast 20 Jahre gebraucht! Meinen Studenten kann ich jetzt sagen: „Passt gut auf! Nicken bedeutet bei uns gar nichts!!!!
Wenn wir zustimmen, dann müssen wir das unbedingt verbal ausdrücken mit einem „Hai“.

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Porträt Fabrice Jucquois

Veröffentlicht am 4. April 2022

Interview mit Fabrice Jucquois

Nach einem Interview-Leitfaden von Miriam Goupille

Fabrice, woher kommst du genau?Fabrice Jucquois

Ich komme aus Belgien. Aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Brüssel. Das Dorf ist mittlerweile bekannt geworden, denn es gibt dort ein Schloss, in dem einige Filme gedreht wurden. Früher war das ein Dorf mit Kühen und Hühnern, und jetzt ist es eine schicke Location bei Brüssel geworden.
Mich hat das Dorf sehr geprägt, denn es gab diesen Kontakt mit der Natur. Nichts Theoretisches, sondern ein ganz unmittelbarer Kontakt. Man fühlt dort die Natur. Das ist eine andere Erfahrung, als man sie in einer Stadt machen kann.
Wir haben zwei grundsätzliche Arten uns zu bewegen. Horizontal und vertikal. Daraus besteht der Tanz. Horizontal, das schafft den Kontakt zur Erde. In der vertikalen Verfassung erleben wir etwas anderes. Ich würde sagen, dass das der Ausdruck einer Verbindung mit dem Theoretischen ist. Mich jedenfalls hat der Kontakt mit der Natur des Dorfes sehr geprägt.

Wie und wann kamst du nach Bielefeld?

Mit dem Auto. (Lachen) 2015. Ich bin mittlerweile 18 Mal umgezogen. Aufgrund meiner Tätigkeit als Künstler musste ich immer offen bleiben für die Linie, die die Kunst ins Leben zeichnete. Diese Linie hat mich nach Bielefeld gebracht. Als ich nach Bielefeld kam, öffnete sich ein neuer Weg für mich. Aber dazu später.

Gibt es etwas aus Belgien, was du hier vermisst? Und etwas, was du hier in Deutschland besonders schön findest?

Das sind zwei Fragen. Zu Nummer eins: Das erste, was ich vermisse, ist das Essen. Wer würde nicht gute Pralinen vermissen, nur um ein Beispiel zu nennen. Das zweite: Einfach in eine französischsprachige Bibliothek oder Buchhandlung zu gehen und ein bisschen zu lesen und zu träumen, in Büchern herumzustöbern, Zeit mit Literatur zu verbringen, die man entdecken möchte. Mein Ausweg: Die Bibliothek hinter mir ist voll mit Comics. (Wir sehen uns in Zoom). Das ist eine ganz spezifische Literaturform meines Heimatlandes.  Immer wieder greife ich in meine Sammlung, und ich öffne die Bücher, als wären sie unbekannt.
Warum nicht in die Uni-Bibliothek oder zu Thalia? Das ist keine französischsprachige Bibliothek oder Buchhhandlung, was normal ist, und ich kann mir nicht vorstellen, mich auf Deutsch in Autoren wie Rabelais, Montaigne, Corneille, Voltaire, Balzac, Zola, Hugo oder Char oder aktuellen französischsprachigen Autoren wie Khadra oder Maalouf wiederzufinden. Sprache ist ein Lied, das uns in eine imaginäre Welt entführen kann. Wenn ich den Vers von Racine in „Andromaque“, „Pour qui sont ces serpents qui sifflent sur vos têtes“ auf Deutsch lese, ergäbe sich „Für wen sind diese Schlangen, die über deinen Köpfen zischen.“ Die Alliteration mit diesem beharrlichen „S“ auf Französisch ist weg. In meinem täglichen Leben bin ich froh, das Zischen von Schlangen nicht zu hören. In der Literatur höre oder lese ich es gern.

Was finde ich in Deutschland besonders schön? Als Ausländer befinde ich mich in einer Situation von Dankbarkeit. Ich weiß, dass ich meine künstlerische Tätigkeit in meinem Heimatland nicht ausüben könnte. Die Theaterkultur in Belgien ist eine andere. Die Kulturpolitik ist eine andere.

Neben meiner Kultur lerne ich andere Länder kennen. Entdecken ist oft wunderbar und schön.

Hast du immer unterrichtet? Wenn nicht, was hast du vorher gemacht?

Ich bin davon überzeugt, dass man für das Unterrichten besondere Kenntnisse braucht. Ich könnte nicht Tanz oder Französisch unterrichten, wenn ich nicht diese tiefen Kenntnisse hätte. Die wichtigen Persönlichkeiten der Geschichte sind zum Beispiel in der Antike ausgezogen mit einem gebildeten Menschen an ihrer Seite. Alexander der Große hatte etwa Aristoteles als Ausbilder. Das ist die Vorstellung, die ich im Kopf habe. Zuerst muss jemand Kenntnisse integrieren, erst danach ist er reif dafür, Lehrer zu sein. Wieder möchte ich mich auf meine dörflichen Wurzeln beziehen. Zuerst kommt die Erde, die horizontale Bewegung. Dann folgt die Vertikale in die Theorie, um zurück auf die Erde zu wirken.

Ich habe 25 Jahre lang als Tänzer und Choreograph an vielen Theatern insbesondere in Deutschland und Österreich gearbeitet. Und nur, weil ich diese Erfahrung besitze, denke ich, dass ich etwas weitergeben kann. Natürlich darf man nicht zu lang warten, denn irgendwann kann man sich nicht mehr so gut bewegen.
Auf das Französische hat mich ein ganz anderer Weg vorbereitet. Wir sind von der Kultur unseres eigenen Landes durchdrungen. In Belgien lernen wir in der Schule, dass die belgische Revolution in einem Theater begann, wir rezitieren die Verse von du Bellay, Ronsard oder Baudelaire auswendig. Wir wissen, dass Verlaines Gedichte von de Gaulle verwendet wurden. Jedes Jahr erhielten wir eine Leseliste mit 10 Büchern zum Lesen für Januar und 10 für Juli. Was den Französischunterricht angeht, habe ich zunächst fremdsprachige Sänger ausgebildet, die auf Französisch singen mussten.
Eine der Gemeinsamkeiten zwischen Tanz und Französisch ist die Suche nach Kreativität. Ich erlaube mir eine kleine Anekdote aus meinem Philosophiestudium an der Universität. Für den Kurs Anthropologie mussten wir ein Essay zu einem der folgenden Themen schreiben: Sprache, Körper, Begier. Ich schlug daher vor, über Tanz zu schreiben „die Begier nach Sprache durch den Körper.“ Das Wissen, das wir erwerben oder weitergeben, ist ein Puzzle, das wir bauen oder dekonstruieren, um es anschließend wieder zusammenzusetzen.

Kannst du uns eine Anekdote über deine (ehemaligen) Studis erzählen? Es kann etwas Lustiges oder leicht Peinliches sein, das jedem von uns passieren kann.

Eine Sprache ist nicht nur eine Sprache, sondern eine Kultur mit sehr vielen verschiedenen Facetten. Filme, Literatur, Bilder, Tanz, Musik, Architektur, Essen, Humor, Politik... Gern stelle ich Künstler vor, zum Beispiel Sänger.

Nun finde ich ein Stück eines Sängers von 1980, bin voller Enthusiasmus und singe vor der Klasse mit. Und noch geprägt von dieser Begeisterung frage ich erwartungsvoll einen Studenten: Und, was ist dein Gefühl?  Magst du das?
Antwort: „Das ist ziemlich altmodisch.“ Und ich merke, wie mir die Begeisterung in den Keller (oder in die Kniekehlen?) rutscht.
Stell dir jetzt den Lehrer vor, der bis spät in die Nacht mit fiebrigem Eifer sucht, mit welchem Rap oder Slam er die Studierenden in der nächsten Unterrichtsstunde begeistern könnte!

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Aufenthalt des Bibliobus im SoSe 22

Veröffentlicht am 8. März 2022
Lust auf die neuesten französischen Romane? Aktuelle Filme? Auf aktuelle französische Musik?

Schön, dass der Bücherbus des Institut Français Düsseldorf auch Station an der Uni Bielefeld macht!

Einfach zum Schnuppern vorbeischauen. Und ausleihen, was gefällt!

Wo? - Zwischen den Zähnen D und E


Wann? - Jeden letzten Dienstag des Monats während der Vorlesungszeiten, von 15.00 bis 17.00.

- 26. April 2022

- 24. Mai 2022
- 28. Juni  2022

Weitere Informationen unter



oder bei Sylvie Richard (srichard@uni-bielefeld.de)

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Einstellung der C-Tests zum 31.03.2022

Veröffentlicht am 26. Januar 2022

Die Spracheinstufung mit den C-Tests wird zum 31.03.2022 eingestellt! Eine Einstufung nach diesem Termin ist nicht mehr möglich. Alle Studierenden, die einen Sprachnachweis für die Kursteilnahme benötigen, müssen sich umgehend für die verbleibenden Termine anmelden. Wir bitten diese Information großzügig zu verbreiten. Außerdem haben wir viele weitere Termine zur Einstufung organisiert. Sie finden sie alle auf dem Anmeldeformular für den C-Test. Gehen Sie dazu auf die Seite der Spracheinstufung und klicken auf den Punkt "Wann findet die Spracheinstufung statt?"

Wenn Sie Ihr Studium der Romanistik zum 01.04.2022 beginnen und eine Spracheinstufung benötigen, wenden Sie sich bitte an die jeweiligen Koordinator*innen.

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Porträt Martina Niemann

Veröffentlicht am 25. Oktober 2021

 

Martina Niemann, Dozentin für Französisch, stellt sich im Interview mit Susanne Hecht vor. Nach einem Interviewleitfaden von Myriam Goupille.

Liebe Martina, woher kommst du genau?
Aus Detmold, Pivitsheide V. L., ganz genau. Das liegt zwischen Detmold und Augustdorf. Landschaftlich sehr schön! Da wuchs ich mit Blick auf den Hermann auf.
 
Wie und wann kamst du auf und nach Frankreich?
Auf Frankreich kam ich eigentlich durch die Schule. Durch meinen Französisch-Leistungskurs und die tolle Lehrerin, die ich hatte. Sie war keine Französin, hatte aber ein französisches Flair. So empfand ich es damals, und es beindruckte mich. Die Sprache mit ihrer Melodik gefiel mir von Anfang an gut.

Nach Frankreich bin ich durch mein Bielefelder Romanistik-Studium gekommen. Mein Auslandssemester habe ich in Caen verbracht, in der Normandie, direkt am Meer. Auch eine landschaftlich sehr schöne Gegend. Heckenlandschaft, Felder. Fachwerkorte, Bäder am Atlantik. Und ganz viele Käsesorten. An den Stränden dort sind die Alliierten gelandet. Eine geschichtsträchtige Region…
 
Gibt es etwas aus Frankreich, was du hier vermisst? Und etwas, was du hier in Deutschland besonders schön findest?
Aus Frankreich: Sonne und Meer. Die wilden Küsten, das mag ich gern. Und kulinarisch hat Frankreich enorm viel zu bieten. Der Bordeaux. Oder der Elsässer Wein. Choucroute, die Elsässer Variante von Sauerkraut fällt mir gerade ein.
Der erste Restaurantbesuch in Frankreich mit meinem Mann, als wir Studenten waren! Er aß immer gern Steak. Das Menü mit all den unbekannten Namen – und wir bestellten Steak Tartare. Und anstelle eines ordentlichen Rindersteaks war dann ein roher Hackfleischfladen auf dem Teller mit einem rohen Ei obendrauf.

Auch die Architektur in Frankreich finde ich toll. Die urigen Orte in der Provence, zum Beispiel. Steinhäuser im Süden, dann das schon erwähnte Fachwerk der Normandie.

In Deutschland gefällt mir die Ostseeküste gut mit ihrer hügeligen Landschaft.

Hast du immer unterrichtet? Wenn nicht, was hast du vorher gemacht?
Von Haus aus bin ich Übersetzerin. Zwischendurch habe ich immer mal wieder Sprachunterricht gegeben, aber der Schwerpunkt lag beim Übersetzen.

Hauptsächlich habe ich Rechts- und Wirtschaftstexte übersetzt. Viele Verträge und Urkunden. Ich bin eine vom Oberlandesgericht ermächtigte Übersetzerin und kann rechtskräftig Urkunden übersetzen.

Kannst du uns eine Anekdote über deine Lehr- oder eigene Sprachlernerfahrungen berichten? Es kann etwas Lustiges oder leicht Peinliches sein, das jedem von uns passieren kann.
Da fällt mir eine Anekdote aus meiner Studienzeit ein. Ich war in Spanien – Spanisch war mein Nebenfach -, um dort einen Sprachkurs zu besuchen, und als ich meinen Rückflug im Reisebüro buchen wollte, verstand ich beinahe kein einziges Wort.

Nach einem vierwöchigen Intensivkurs! Das war ziemlich eindrücklich. Am Ende habe ich es aber zurück nach Hause geschafft. Und mein Studium habe ich trotzdem nicht abgebrochen!

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DAAD-Preis für außerordentliches Engagement internationaler Studierender

Veröffentlicht am 1. Februar 2021

Wir beglückwünschen unseren Kollegen Harun Kocataş zur Verleihung des DAAD-Preises für außerordentliches Engagement internationaler Studierender.

Lesen Sie hier den Bericht von Uni Aktuell:
https://50jahre.uni-bielefeld.de/2020/12/17/harun-kocatas-erhaelt-preis-fuer-internationale-studierende/

Und hier finden Sie die Laudatios der Prorektorin Dr. Angelika Epple und der Betreuerin apl. Prof. Dr. rer. nat. Sabine Weiss:
https://www.uni-bielefeld.de/studium/alumni/tag-fuer-absolvent_innen/fakultaeten/lili/


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