Soziologie
Neues Paper von Sebastian Sattler und Kollegen zur Wahrnehmung von Neuroenhancement bei Ärzt:innen
Der Einsatz leistungssteigernder Substanzen zur kognitiven Verbesserung („Neuroenhancement“) ist gesellschaftlich und ethisch umstritten - insbesondere in sensiblen Berufsfeldern wie der Medizin. Eine neue Studie von Sebastian Sattler (Universität Bielefeld), Dario Cecchini, Veljko Dubljević und Eric Racine, erschienen in Neuroethics, untersucht, wie Befragte in Deutschland die Einnahme von Stimulanzien durch Ärzt:innen bewerten und welche Rolle Motivation und Behandlungsergebnis für moralische Urteile und die Behandlungsbereitschaft spielen.
Grundlage sind zwei szenariobasierte Experimente mit deutschlandweit rekrutierten Zufallsstichproben. Die Studien folgen dem Agent-Deed-Consequence (ADC)-Modell moralischer Urteilsbildung, das drei Komponenten unterscheidet: Agent (Motivation der handelnden Person), Deed (Handlung), Consequence (Konsequenz). Die Befragten bewerteten jeweils das Verhalten eines Chirurgen und gaben an, ob sie sich von ihm operieren lassen würden.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Einnahme einer illegalen Substanz zur Leistungssteigerung negativ beurteilt wurde (im Vergleich zu einer konventionellen Vorbereitung auf die Operation). Dieses negative moralische Urteil vermittelte teilweise den Zusammenhang zwischen der Handlung (Substanzgebrauch) und der geringeren Bereitschaft, sich von dem Chirurgen operieren zu lassen. Mit anderen Worten: Die moralische Bewertung erklärt, warum illegales Neuroenhancement das Vertrauen in die ärztliche Behandlung schwächt. Zudem zeigte sich, dass die Effekte durch Motivation und Behandlungsausgang moderiert wurden. Die moralische Abwertung fiel je nach altruistischer oder egoistischer Motivation sowie je nach Erfolg oder Misserfolg der Operation unterschiedlich stark aus. Dennoch blieb der illegale Substanzgebrauch selbst bei positivem Ausgang moralisch problematisch.
Die Studie liefert damit Evidenz dafür, dass illegales leistungssteigerndes Neuroenhancement im medizinischen Kontext von der Öffentlichkeit mehrheitlich als moralisch inakzeptabel wahrgenommen wird und dass diese Bewertung Auswirkungen auf das Vertrauen in medizinische Dienstleistungen hat. Gleichzeitig stützt sie zentrale Annahmen des ADC-Modells in einem praxisrelevanten Gesundheitskontext. Um öffentliches Vertrauen zu sichern, ist ein transparenter und normativ klarer Umgang mit leistungssteigernden Substanzen im professionellen Kontext entscheidend. Darüber hinaus eröffnet die Studie Perspektiven für weitere Forschung zu moralischen Bewertungen neuer (auch legaler oder technologischer) Formen der Leistungssteigerung in unterschiedlichen Berufsfeldern.
Referenz:
Sattler, S., Cecchini, D., Dubljević, V. et al. Understanding Public Perspectives in Germany Towards Illegal Stimulant Use for Neurocognitive Enhancement in Professional Roles: The Case of Doctors. Neuroethics 19, 20 (2026). https://doi.org/10.1007/s12152-026-09637-5