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Internationale Perspektiven im Lehramtsstudium: Ein Austausch zwischen Bielefeld und Hanoi
Sven Wiesrecker ist Lehrender an der Universität Bielefeld und hat im Sommersemester 2026 gemeinsam mit Johannes Tschapka das Seminar „Unterrichten inmitten einer Welt von Trümmern? Welche gesellschaftlichen Aufgaben in der Schule als pädagogische Herausforderung anstehen“ angeboten. Ein Teil des Seminars war ein Austauschprojekt mit Lehramtsstudierenden der Hanoi University in Vietnam. Noah Budalic studiert Geschichte und Sport im Master of Education und hat an dem Seminar und dem Austausch teilgenommen. Gemeinsam berichten sie darüber, wie internationale Begegnungen in einem niedrigschwelligen digitalen Format neue Perspektiven eröffnen können.
Hanna Aksu: Worum ging es in eurem Seminar und wie war die Kooperation mit Hanoi darin eingebunden?
Sven Wiesrecker: Thematisch ging es in unserem Seminar insgesamt um allgemeindidaktische und pädagogische Fragen rund um Kriege und Krisen in der Welt und darum, was diese Entwicklungen für angehende Lehrkräfte bedeuten. Das Austauschprojekt mit Hanoi war eines von mehreren Unterprojekten, die den Studierenden internationale Perspektiven eröffnen sollten. In Vorbereitung auf den Austausch haben wir uns mit der sogenannten „Ur-Pippi Langstrumpf“ beschäftigt. Diese ursprüngliche Fassung unterscheidet sich deutlich von dem später veröffentlichten Kinderbuch. Sie bildete den roten Faden für den in unserem Fall deutschsprachigen Austausch zwischen den Studierenden der Universität Bielefeld und der Universität Hanoi: Woche für Woche wurde ein Kapitel bearbeitet und gemeinsam mit den Studierenden aus Hanoi ins Vietnamesische übersetzt. Dabei ging es nicht nur um die Sprache selbst, sondern beispielsweise auch um Vorstellungen von Schule und Bildung, Ordnung oder guter Kindheit. Ziel war es, zentrale Textstellen zu übersetzen und den Übersetzungs- und Aushandlungsprozess zu dokumentieren.
Noah Budalic: Wir haben uns über vier oder fünf Wochen einmal wöchentlich mit sechs bis acht Studierenden aus Hanoi getroffen. Sie haben ihre Übersetzungen mitgebracht und wir haben gemeinsam einzelne Textpassagen besprochen: Wie lässt sich etwas ins Vietnamesische übertragen? Was muss man dabei beachten? Wo entstehen Herausforderungen? Für mich war das Projekt auch persönlich besonders, weil meine Mutter aus Vietnam kommt und ich selbst Vietnamesisch spreche. Nach der Seminarvorstellung war für mich deshalb sofort klar, dass ich daran teilnehmen möchte.
Bild 1 zeigt Studierende aus Hanoi und Bielefeld in einer gemeinsamen Zoom-Sitzung. ©Johannes Tschapka
HA: Wie sah die Zusammenarbeit zwischen den Studierenden aus Bielefeld und Hanoi konkret aus?
NB: Die Treffen fanden zusätzlich zum eigentlichen Seminar statt. Gleichzeitig konnten wir die Erfahrungen und Inhalte aus dem Austausch immer wieder in das Bielefelder Seminar zurücktragen. Dadurch war das Projekt nicht einfach etwas, das völlig losgelöst nebenherlief, sondern blieb mit dem Seminar verbunden. Neben den Zoom-Meetings wurden außerdem beispielsweise PowerPoint-Folien ausgetauscht. Der eigentliche Austausch fand aber in den wöchentlichen digitalen Treffen statt.
HA: Wo wurden unterschiedliche Kommunikations- oder Lernkulturen sichtbar – und was hat geholfen, damit umzugehen?
"Eigentlich sind wir von Anfang bis Ende immer wieder auf unterschiedliche Sichtweisen und Lernkulturen gestoßen. Das begann schon bei der ersten Kommunikation."
NB: Für die Studierenden aus Hanoi war es teilweise ungewohnt, mit uns in direkten Kontakt zu treten. Sven wurde beispielsweise deutlich stärker als Autorität und Lehrperson wahrgenommen. Häufig ging die Gesprächsführung deshalb zunächst von uns aus. Wir mussten auch lernen, mit unterschiedlichen Kommunikationsstilen umzugehen. Manchmal waren es zehn oder zwanzig Sekunden, in denen in einem Zoom-Meeting niemand etwas gesagt hat. Statt die Stille sofort zu füllen, musste man den anderen die Zeit geben, sich zu öffnen. Mit der Zeit sind dadurch wirklich gute Gespräche entstanden – und dann gingen eineinhalb Stunden plötzlich sehr schnell vorbei. Spannend fand ich auch, wie höflich die Kommunikation auf vietnamesischer Seite war. Solche Unterschiede überhaupt wahrzunehmen und entsprechend darauf zu reagieren, war für mich neben den inhaltlichen Fragen ein interessanter Teil des Austauschs.
SW: Die größte Herausforderung ist tatsächlich, einen direkten Austausch zwischen den Studierenden herzustellen. Wenn acht Personen aus Bielefeld und acht aus Hanoi gemeinsam in einer Zoom-Konferenz sitzen, sind zunächst beide Seiten etwas zögerlich. Sehr hilfreich waren deshalb Breakout-Sessions, in denen ein persönlicherer Kontakt in kleineren Gruppen möglich wurde. Außerdem war es wichtig, für jede Sitzung einen konkreten Gegenstand zu haben.
"Die Studierenden sollten sich nicht einfach ins Leere hinein austauschen, sondern hatten etwas, woran sie gemeinsam arbeiten konnten."
Mein Eindruck war, dass der Ablauf dadurch von Woche zu Woche immer selbstverständlicher wurde.
HA: Was hat euch die internationale Zusammenarbeit insgesamt ermöglicht, was in einer rein lokalen Lehrveranstaltung so nicht entstanden wäre?
SW: Selbst solche niedrigschwelligen internationalen Angebote sind unglaublich bereichernd, weil sie dabei helfen, die eigene Perspektive zu relativieren und einzuordnen. Allein die Frage, womit sich angehende Lehrkräfte in Vietnam beschäftigen oder welche Themen im vietnamesischen Kernlehrplan eine Rolle spielen, macht eigene blinde Flecken sichtbar. Ich glaube, ohne den internationalen Austausch wäre es nicht in derselben Weise möglich gewesen, den eigenen Horizont zu erweitern. Gerade für angehende Lehrkräfte ist es wichtig, auch Fragen in den Blick zu nehmen, die über das eigene Fach und die eigene Gesellschaft hinausgehen. Dazu gehört auch, sich selbst manchmal zurückzunehmen und anderen Perspektiven zuzuhören. Ein solcher Austausch kann sowohl im Konsens als auch im Dissens sehr produktiv sein.
NB: Im Seminar bespricht man viele Dinge zunächst theoretisch. Obwohl es letztlich nur vier Treffen von jeweils etwa eineinhalb Stunden waren, war dieser Perspektivwechsel unglaublich wertvoll.
"Durch das Projekt konnten wir uns tatsächlich mit Menschen aus einer anderen Region und einem anderen kulturellen Kontext zusammensetzen und genau über diese Themen sprechen."
Für mich kam noch eine persönliche Ebene hinzu, da der Austausch mich darin bestärkt hat, noch mehr über die vietnamesische Kultur erfahren zu wollen und hoffentlich im nächsten Jahr nach Vietnam zu reisen. Überrascht hat mich außerdem, wie gut die Studierenden aus Hanoi Deutsch gesprochen haben. Die sprachliche Hürde war viel geringer, als ich vorher erwartet hatte. Vielleicht können solche Erfahrungen auch anderen Studierenden die Hemmschwelle nehmen, selbst einen Auslandsaufenthalt zu wagen.
Auch die weiteren internationalen Begegnungen im Seminar waren sehr bereichernd. Wir hatten beispielsweise eine Englischlehrkraft aus Vietnam digital zugeschaltet, die direkt aus ihrem Schulalltag berichtet hat und konnten mit einem Filmproduzenten aus Bangladesch sprechen. Solche Begegnungen müssen gar nicht riesig angelegt sein.
"Manchmal reichen schon kurze digitale Gespräche, in denen Studierende die Möglichkeit bekommen, Fragen zu stellen und Einblicke in andere Kontexte zu erhalten."
Ich halte es für sehr wichtig, solche Begegnungen zu schaffen. Sonst besteht schnell die Gefahr, dass man sich nur im eigenen Kosmos bewegt und vor allem die eigene Perspektive kennt. Auch aus kleinen Einblicken kann man sehr viel mitnehmen.
HA: Gibt es etwas aus der Kooperation, das über das eigentliche Seminar hinaus bestehen bleibt?
SW: Für uns steht fest, dass wir den Austausch in irgendeiner Form fortführen wollen. Auch vonseiten der Universität in Hanoi besteht daran Interesse. Perspektivisch wäre es spannend, die bisherige Kooperation zwischen Bielefeld und Hanoi in einen größeren südostasiatischen Rahmen zu überführen. Geplant ist außerdem eine gemeinsame Publikation mit Frau Nguyen Thi Kim Lien von der Universität in Hanoi über das Projekt und die Übersetzung. Dadurch soll aus dem Austausch auch ein Produkt entstehen, das wissenschaftliche Anerkennung und Reichweite erhält.
HA: Was würdet ihr Lehrenden mitgeben, die selbst ein internationales Kooperationsformat in ihre Lehre integrieren möchten?
"Ich würde vor allem zu niedrigschwelligen Angeboten raten, bei denen Studierende tatsächlich miteinander in direkten Austausch kommen."
Bei uns hat es mit einer einfachen Idee angefangen: Es gab einen Kontakt zur Universität Hanoi, wir haben gemeinsame Interessen im Bereich der Lehrkräftebildung identifiziert und daraus ein konkretes Austauschangebot entwickelt. Natürlich braucht es ein bisschen Mut und Überwindung, solche Kontakte herzustellen und kommunikative Grenzen zu überbrücken. Entscheidend ist aus meiner Sicht aber, dass die Kooperation nicht zu bürokratisch aufgeladen wird. Sie braucht eine Struktur und einen konkreten Gegenstand, gleichzeitig sollten die Studierenden möglichst viel Raum bekommen, direkt miteinander ins Gespräch zu kommen.
Und dabei sollte man unbedingt auch die Ressourcen nutzen, die auf studentischer Seite vorhanden sind. Wenn Studierende beispielsweise Kontakte in andere Länder oder einen persönlichen Bezug zu bestimmten Regionen haben, kann das sehr wertvoll sein. Gleichzeitig braucht es Studierende, die solche Projekte mittragen und gerade am Anfang den Impuls geben, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Ich glaube aber, entscheidend ist vor allem, nicht nur mit der allgemeinen Idee „Lasst uns mal eine Kooperation machen“ auf jemanden zuzugehen. Es hilft, schon etwas Konkretes mitzubringen: eine Projektidee und eine Vorstellung davon, wie die Zusammenarbeit aussehen könnte. Das können zunächst auch kleine Projekte sein, aus denen später etwas Größeres entsteht. Meine Erfahrung ist, dass man damit auf sehr viel Neugier und Offenheit stößt.