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Kolonialgeschichte gemeinsam erzählen: Ein Seminar zwischen Bielefeld und Bertoua
Lola Wienberg und Jonas Köllinger studieren Geschichtswissenschaft. Sie berichten über ihr zweisemestriges Projektseminar „Postkoloniale Erinnerungen zwischen Deutschland und Kamerun/Ostwestfalen und Ostkamerun“ und darüber, was es bedeutet, in einer Lehrveranstaltung international zusammenzuarbeiten.
Das Projektseminar bestand aus zwei Teilen und wurde von Dr. Caroline Authaler (Universität Bielefeld) und Dr. Omer Lemerre Tadaha (Universität Bertoua) gemeinsam geleitet.
Hanna Aksu: Worum ging es in eurem Seminar und in welche Arbeitsphasen war es unterteilt?
Lola Wienberg: Es war ein zweisemestriges Projektseminar, das als Ergebnis einen Dokumentarfilm haben sollte. Wir sind der doppelten Frage nachgegangen, wie an die deutsche Kolonialzeit in Kamerun erinnert wird und wie sich das in Kamerun zeigt und wie auch hier in Deutschland und spezieller, wie sich die Erinnerung an Kamerun in der Region Ostwestfalen-Lippe, zum Beispiel im Bielefelder Stadtraum niederschlägt. Dabei haben wir versucht, Dualismen in der Erinnerung aufzubrechen, wie z.B. die Vorstellung einer aktiv handelnden deutschen Kolonialmacht auf der einen Seite und scheinbar passive Opfer in der kamerunischen Bevölkerung auf der anderen. Wir haben mit zwei weiteren Seminaren kooperiert: mit unserem Partnerseminar der Universität Bertoua in Kamerun und später auch mit einem Didaktikseminar aus der Geschichte hier in Bielefeld.
Jonas Köllinger: Das erste Semester war eher ein theoretischer Einstieg ins Thema. Im zweiten Semester ging es dann darum, den Film umzusetzen. Wir haben in Gruppen gearbeitet, die je einen thematischen Schwerpunkt behandelt haben. Dann standen wir vor der Frage, wie man Theorie in einem Film abbildet. Das hat dazu geführt, dass es am Ende viele Interviews gab und verschiedene Formate, die im Film gemischt werden.
HA: Wie war denn das erste Kennenlernen zwischen den beiden Partnerseminaren, und wie verlief die Kommunikation mit den Studierenden aus Kamerun im weiteren Arbeitsprozess?
LW: Wir hatten unser erstes Treffen über Zoom, in einem Flexraum in der Uni mit einem großen Bildschirm. Dann gab es die Sprachfrage: Wir dachten, wir sprechen auf Englisch als ‚neutrale‘ dritte Sprache, weil in Ostkamerun durch die französische Kolonisierung vor allem Französisch gesprochen wird. Dann stellte sich heraus, dass die Studierenden lieber auf Deutsch sprechen wollten; sie studierten schließlich Germanistik. Das musste man erstmal herausfinden. Dazu kam, dass der Ton von unseren Geräten nicht gut aufgenommen wurde. Wir hatten uns alle um den Bildschirm gesetzt und gedacht, wir könnten einfach so sprechen. Aber wir mussten wirklich einzeln aufstehen und ans Mikrofon herantreten. Man hat dort direkt gemerkt, wie Technik bei der Zusammenarbeit über Distanz an ihre Grenzen stößt.
JK: Ich war beim ersten Treffen nicht dabei, aber meine Erfahrung aus dem zweiten Semester war, dass es eine gewisse zeitliche Ungleichheit gab. Die Studierenden in Bertoua waren zum Teil gerade mit ihrem Semester am Ende, manche kurz vor dem Masterabschluss. Sie hatten daher quasi schon einen Fuß aus der Tür. Wenn wir per Messenger schrieben, hatte man das Gefühl, dass sie vieles erst intern abstimmen mussten, bevor ausführlich formulierte Antworten an uns weitergeleitet wurden. Vielleicht lag das an verschiedenen Universitätskulturen, dass man in Kamerun generell mehr Dinge mit dem Dozenten abspricht als an unserer Uni.
HA: Welche Rolle hat die internationale Zusammenarbeit in eurem Seminar gespielt?
LW: Sie war sozusagen die Rahmung des gesamten Projekts. Der Film sollte ein Kooperationsprodukt sein. Wir haben mehrfach über Zoom mit den Studierenden in Bertoua gesprochen, und uns auch per Messenger ausgetauscht. Außerdem hat Dr. Omer Lemerre Tadaha, der Dozent des Seminars in Bertoua, einen einmonatigen Forschungsaufenthalt an der Uni Bielefeld verbracht.
JK: Das Seminar in Kamerun hat dabei vor allem beeinflusst, wie wir unser Thema behandelt haben. Ein großes Thema war zum Beispiel Sprache: Welche Teile macht man auf Englisch? Soll man untertiteln, auch in verschiedenen Sprachen?
"Spannend war auch, wie man das andere Seminar in Gedanken behält, obwohl die Studierenden aus Bertoua nicht physisch da waren."
Das war manchmal schwierig, weil sie sich eigentlich immer inkludiert fühlen und ein wichtiger Teil des Seminars sein sollten, aber die Distanz das manchmal erschwert hat.
HA: Wenn ihr euer Projektseminar mit anderen Seminaren vergleicht – welche Chancen hat euch das internationale Format eröffnet?
LW: Man musste sich an einem anderen Maßstab messen. Reflexionen, die man vielleicht auch in anderen postkolonial ausgerichteten Seminaren anstellt, wurden hier konkret: In welcher Sprache machen wir das? Womit untertiteln wir, damit der Film sowohl in Bielefeld als auch in Bertoua verstehbar ist? Das hat Herausforderungen erzeugt, die man sonst nicht gehabt hätte und einen stärkeren Reflexionsprozess über das Arbeiten selbst angestoßen. Dazu kam, dass Dr. Omer Tadaha neue Perspektiven und regionalhistorisches Wissen eingebracht hat, die man in der Forschungsliteratur noch nicht findet. An einer Stelle hatten wir zum Beispiel einen Begriff für einen militärischen Konflikt gewählt, den wir für neutral hielten. Omer Tadaha nannte ihn schlicht „Kolonialkrieg".
"Auf manche Dinge wäre man ohne die internationale Zusammenarbeit nicht gestoßen. Wie die Kolonialzeit in Bertoua erinnert wird, ist etwas, das man ohne direkte Kooperation schwer verstehen kann."
JK: Ich würde noch ergänzen: Ein Projektseminar kann hier als Praktikumsersatz angerechnet werden. Aus berufsvorbereitender Perspektive haben wir geübt, mit Partnern zusammenzuarbeiten, die weit weg leben und ganz andere Umstände haben. Nicht nur daran zu denken, wann in Deutschland Feierabend ist, sondern zu fragen: Wie spät ist es dort? Welche Bedingungen haben andere gerade? Das kann später durchaus nochmal relevant werden. Wenn man bewertet, welche Form der Zusammenarbeit besonders wertvoll war, dann war der Besuch von Dr. Omer Tadaha wahrscheinlich der beste Teil der Kooperation. Es gab mehrere Momente, in denen er lokal Impulse setzen konnte. Zum Beispiel in der Ausstellung im Historischen Museum, wo er entdeckt hat, dass die Opferzahlen unter Afrikaner*innen im Ersten Weltkrieg in einer Tafel komplett ignoriert wurden. Das hat zu einer Intervention im Museum geführt.
HA: Was würdet ihr anderen Studierenden für ein solches Format empfehlen, auch mit Blick auf die Herausforderungen?
JK: Darauf vorbereitet sein, dass man sich auf Ungewohntes einlassen muss.
"Locker bleiben, wenn die Kommunikation nicht von Anfang an so läuft wie erwartet."
Und bereit sein umzudenken, weil die Perspektiven aus Kamerun eine ganz andere Sichtweise auf Inhalte mitbringen, als man das aus der deutschen Geschichtswissenschaft gewohnt ist.
LW: Was am Ende herausfordernd war: Der Dokumentarfilm, der eigentlich ein gleichwertiges Kooperationsprodukt sein sollte, wurde zu großen Teilen in Bielefeld gestaltet, einfach weil die Infrastruktur durch das BITS hier war. Das war keine überwundene Herausforderung, sondern am Ende ein Fakt. Meine Empfehlung wäre, Ungleichgewichte nicht zu ignorieren, sondern sie im Prozess aktiv anzusprechen, offen zu machen, wenn etwas unbehaglich ist und gemeinsam darüber zu sprechen.
HA: Was nehmt ihr aus der Erfahrung mit für euer weiteres Studium und vielleicht auch in Bezug auf eure Berufsperspektiven?
JK: Postkolonialismus und Provenienzforschung sind gerade expandierende Bereiche in der Geschichtswissenschaft. Das Seminar hat da sicher einen kleinen Schwerpunkt im eigenen Lebenslauf hinterlassen. Und allein dadurch, dass es so viel Raum eingenommen hat, ist es etwas, womit man sich wirklich identifiziert.
LW: Das Projekt hat mir bewusst gemacht, wie sehr auch wissenschaftliche Literatur zu Kolonialismus und transnationalen Verflechtungen von europäischen oder US-amerikanischen Historiker:innen geprägt ist, selbst wenn sie sich mit anderen Regionen beschäftigt.
"Die direkte Kooperation hat dafür gesorgt, dass man die Universitäten, die zu denselben Themen forschen, nicht aus dem Blick verliert. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht."
Und ich finde, es war wirklich eine Chance, dass es die Ausstellung im Historischen Museum Bielefeld gab und der von uns im Projektseminar produzierte Film für einen längeren Zeitraum im Bielefelder Stadtraum sichtbar wurde.
Die Premiere des entstandenen Dokumentarfilms „Postkoloniale Geschichten zwischen Ostkamerun und Ostwestfalen-Lippe“ fand am 10. Juli 2025 im Historischen Museum Bielefeld statt.
Im Blog zum Projektseminar werden weitere Aspekte des Projekts beleuchtet.