uni.aktuell-Archiv
Neu entdeckte Bakterien als potenzielle Arzneiquelle
Bielefelder Wissenschaftler an Studie beteiligt/ Veröffentlichung in „Nature“
Eine
in Meeresschwämmen lebende Bakteriengattung produziert derart viele
Naturstoffe, dass Wissenschaftler sie als potente Quelle für neue
Medikamente einstufen. Das Fachblatt „Nature“ stellt die Bakterien vor,
die von einem internationalen Forschungsteam untersucht und beschrieben
wurden. An der Studie unter Leitung der Eidgenössischen Technischen
Hochschule (ETH) Zürich waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
aus Bielefeld, Bonn, München und Würzburg beteiligt, außerdem Teams aus
Japan und den USA.
Viele Medikamente, die etwa gegen Krebs
oder Infektionskrankheiten verwendet werden, enthalten Wirkstoffe aus
Bakterien oder anderen Kleinstlebewesen. Bei der Suche nach neuen
Arzneistoffen aus der Natur spielen Meeresschwämme eine wichtige Rolle.
Das liegt daran, dass sie außerordentlich vielfältige und ungewöhnliche
Naturstoffe enthalten.
Neues auf diesem Gebiet hat ein
internationales Forschungsteam herausgefunden, das von Professor Dr.
Jörn Piel von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich
koordiniert wurde und in dem unter anderem Wissenschaftler des Centrums
für Biotechnologie (CeBiTec) der Universität Bielefeld mitarbeiteten.
Das Forschungsteam hat entdeckt, woher die vielen interessanten Stoffe
kommen, die in dem Schwamm Theonella swinhoei stecken: Sie stammen aus
der Produktion der Bakteriengattung Entotheonella, die als Untermieter
in dem Schwamm lebt.
Tectomicrobia als neue Bakteriengruppe
Weil
das neu entdeckte Bakterium so ungewöhnlich ist, konnten es die
Forscher in der gängigen Systematik keiner bekannten Gruppe zuordnen.
Sie schlagen darum einen neuen Stamm (Phylum) vor, den sie Tectomicrobia
nennen.
Der Name Tectomicrobia leitet sich vom lateinischen Wort
„tegere“ ab, das „verstecken, schützen“ bedeutet. Dieser Begriff wurde
gewählt, weil die Bakterien im Labor bisher nicht kultivierbar und somit
vor der Wissenschaft „gut versteckt“ sind. Außerdem schützen sie
vermutlich die Wirtsschwämme mit ihren vielen Inhaltsstoffen vor Fischen
und anderen Fraßfeinden.
Lebensraum in Schwämmen und im Meerwasser
An
der Beschreibung der neuen Bakterien waren der Bielefelder Professor
Dr. Jörn Kalinowski und sein Mitarbeiter Dr. Christian Rückert
beteiligt. Sie haben vor allem die Genome der Bakterien sequenziert und
die Gensequenzen bioinformatisch ausgewertet. „Die Genomanalyse von
nicht-kultivierbaren Bakterien stellt höchste Anforderungen an die
Sequenzierung und die Bioinformatik“, sagt Kalinowski.
Als
nächstes will sich das internationale Forschungsteam unter anderem der
Frage widmen, welche Funktionen die Tectobakterien in der Symbiose mit
ihrem Wirtsschwamm, aber auch im Ökosystem Korallenriff ausüben. Zudem
soll das chemische Arsenal der Bakterien für die Forschung und für
mögliche biotechnologische Anwendungen verfügbar gemacht werden.
Originalveröffentlichung:
Micheal
C. Wilson, Tetsushi Mori, Christian Rückert, Agustinus R. Uria,
Maximilian J. Helf, Kentaro Takada, Christine Gernert, Ursula A. E.
Steffens, Nina Heycke, Susanne Schmitt, Christian Rinke, Eric J. N.
Helfrich, Alexander O. Brachmann, Cristian Gurgui, Toshiyuki Wakimoto,
Matthias Kracht, Max Crüsemann, Ute Hentschel, Ikuro Abe, Shigeki
Matsunaga, Jörn Kalinowski, Haruko Takeyama & Jörn Piel: An
environmental bacterial taxon with a large and distinct metabolic
repertoire, Nature, http://dx.doi.org/10.1038/nature12959, erschienen am 29. Januar 2014.