Rechtswissenschaft
Prof’in. Dr. Anne Sanders als Visiting Scholar an der Harvard Business School
Neue Perspektiven auf Unternehmenseigentum: Forschung zu Eigentum und gesellschaftlicher Verantwortung
Unternehmenseigentum bestimmt maßgeblich, wie Unternehmen organisiert sind – und damit auch, wie sie in Wirtschaft und Gesellschaft wirken. Welche Rolle unterschiedliche Eigentumsformen dabei spielen können, untersucht Professorin Dr. Anne Sanders auch an der Harvard Business School. Für ein Jahr wurde sie dort zur Visiting Scholar ernannt.
An der Harvard Business School wird Sanders am Institute for Business in Global Society im Rahmen des Forschungsprojekts „The Ownership Project (TOP)“ arbeiten. Das Projekt widmet sich der Frage, wie verschiedene Formen von Eigentum gesellschaftliche Herausforderungen beeinflussen können – etwa ob bestimmte Eigentumsstrukturen soziale oder ökologische Probleme verstärken oder, im Gegenteil, zu ihrer Lösung beitragen. Dabei geht es um z.B. um das Eigentum an Ressourcen wie Wasser, Land und Wohnraum sowie um das Eigentum an Unternehmen, den zentralen Playern in Wirtschaft und Gesellschaft.
„The Ownership Project“ untersucht dabei auch Modelle, bei denen Unternehmen nicht ausschließlich klassisch die Gewinnmaximierung ihrer Investoren anstreben, sondern andere Formen von Kontrolle und Beteiligung eine Rolle spielen.
Anne Sanders wird als deutsche Wissenschaftlerin und einzige Juristin im Projektteam als Gastwissenschaftlerin dabei sein. Die übrigen Beteiligten sind Ökonominnen und Ökonomen der Harvard Business School. Gerade dieser interdisziplinäre Austausch sei ein besonderer Reiz des Aufenthalts, betont sie: „Die unterschiedlichen fachlichen Perspektiven ermöglichen einen breiteren Blick auf die Bedeutung von Unternehmenseigentum für Wirtschaft und Gesellschaft.“
Forschung zu Steward Ownership
Inhaltlich knüpft der Aufenthalt an Sanders’ bisherige Forschung an. Sie beschäftigt sich bereits seit längerem mit der Gesellschaft mit gebundenem Vermögen, auch bekannt unter dem Namen treuhänderisches Eigentum oder Verantwortungseigentum. Zunehmend wird der englische Begriff Steward Ownership verwendet. Prominente Beispiele sind Unternehmen wie Alnatura, Ecosia, Bosch, Haferkater, der dänische Brauer Carlsberg oder der US-Outdoor Bekleidungshersteller Patagonia. Diese Unternehmen gehören vielfach Stiftungen. In dieser Unternehmensform, sollen Gewinne nicht an die Personen, z.B. Gesellschafter ausgeschüttet werden, die das Unternehmen kontrollieren. Sie sollen als Treuhänder im langfristigen Interesse des Unternehmens handeln und nicht zur Gewinnmaximierung um jeden Preis.
Zu diesem Thema hat Anne Sanders bereits gemeinsam mit Professor Dr. Simon Kempny und anderen Wissenschaftler*innen einen Gesetzesentwurf erarbeitet und im Bundestag vorgestellt. Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag vorgenommen, eine entsprechende Rechtsform zu schaffen; ein erstes Konzeptpapier des Justizministeriums liegt vor.
Zusammenarbeit bereits gestartet
International wächst das Interesse an solchen Konzepten, die häufig unter dem Begriff Steward Ownership diskutiert werden. Gemeint sind Modelle, bei denen Eigentum und Kontrolle so organisiert sind, dass Unternehmen langfristig einem bestimmten Zweck verpflichtet bleiben. Beispiele sind etwa Strukturen, in denen Stiftungen die Kontrolle über Unternehmen ausüben oder Mitarbeitende an Eigentum und Entscheidungsprozessen beteiligt sind. Auch spezielle rechtliche Konstruktionen, etwa sogenannte „Perpetual Purpose Trusts“ in einzelnen US-Bundesstaaten, werden im Rahmen des Projekts untersucht.
Die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen in den USA hat bereits begonnen, denn seit März arbeitet die Rechtswissenschaftlerin digital mit dem Team zusammen. Im April hat sie bereits ein von der Harvard Business School organisiertes Online-Seminar zu dem Thema abgehalten. Ab September wird sie vor Ort in Boston arbeiten. Neben Konferenzen ist auch die Erstellung eines wissenschaftlichen Handbuchs vorgesehen, das zentrale Erkenntnisse der Forschung zu Unternehmenseigentum bündeln soll. Der Forschungsaufenthalt bietet Professorin Dr. Anne Sanders die Möglichkeit, ihre rechtswissenschaftliche Perspektive in ein internationales und interdisziplinäres Forschungsumfeld einzubringen.
Foto: ajay_suresh - Harvard Business School, CC BY 4.0, Link