Rechtswissenschaft
Promotion aus dem Jahr 1973: Ein Wiedersehen mit den Anfängen der Fakultät
Mehr als fünfzig Jahre nach ihrer Promotion kehrt Dr. Hedwig Heider-Heil mit ihrer Dissertation an den Ort zurück, an dem einst ein neuer Abschnitt ihres Lebens begann.
Gibt es sie eigentlich noch? Die eigene Dissertation aus dem Jahr 1973? Als Dr. Hedwig Heider-Heil bei der Fakultät für Rechtswissenschaft anruft, ahnt sie noch nicht, dass sie die Arbeit später tatsächlich wieder in den Händen halten wird. Erschwert wird die Suche zunächst durch die Nachwehen des Umzugs der Fakultät in den sanierten Bauteil S. Noch sind nicht alle Kisten ausgepackt, viele ältere Unterlagen befinden sich vorübergehend noch in Kartons. Dort taucht auch ihre Arbeit wieder auf. Für Dr. Heider-Heil ist es ein besonderer Moment.
Als sie das mehr als fünfzig Jahre alte Exemplar mit dem Titel „Die Rechtsgeschichte des deutschen Judentums bis zum Ausgang des Absolutismus und die Judenordnungen in den rheinischen Territorialstaaten“ in den Händen hält, blättert sie vorsichtig durch die Seiten, die einst auf einer elektrischen Schreibmaschine geschrieben wurden. Keine automatische Formatierung, keine Korrekturfunktion. Damals musste jede Seite genau geplant werden. Fußnoten ließen sich nicht einfach verschieben, Absätze nicht mühelos umstellen. Wer schrieb, musste stets schon den nächsten Schritt im Blick haben. Die Wiederbegegnung mit den beiden Bänden bewegt sie sichtlich. Für einen Augenblick wird die Vergangenheit greifbar.
Eine junge Universität als Neuanfang
Als Hedwig Heider-Heil 1973 in Bielefeld promoviert, existiert die Fakultät für Rechtswissenschaft gerade einmal seit vier Jahren. Die Universität ist noch eine Großbaustelle. Ein Bild, das ihr bei ihrem Besuch, über 50 Jahre später, vertraut erscheint, da die Gebäude der Universität erneut Schritt für Schritt modernisiert und erweitert werden.
Nach dem plötzlichen Tod ihres Kölner Doktorvaters, Prof. Dr. Karl Joseph Hering, während ihres Promotionsstudiums, steht sie vor einer schwierigen Entscheidung. Ihre Doktorarbeit ist schon begonnen, doch wo kann sie diese nun abschließen? Also lässt sie sich die Promotionsordnungen der, im Rahmen der Welle von Universitätsgründungen in NRW, neu gegründeten Hochschulen zuschicken. Die Wahl fällt schließlich auf Bielefeld.
Entscheidend dafür ist nicht zuletzt, dass der Bielefelder Rechtswissenschaftler Professor Dr. Günther Dickel, der ihre Betreuung übernimmt, die Arbeit ihres verstorbenen Doktorvaters kennt. Dickel, später wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Rechtswörterbuchs, beeindruckt sie vor allem durch seine Genauigkeit. Er gibt ihr wertvolle, aber auch fordernde Hinweise für die Dissertation, rät zu einer deutlichen thematischen Ausweitung. Rückblickend ist Heider-Heil überzeugt, dass die Arbeit dadurch deutlich gewonnen hat.
Wissenschaft im Aufbruch
Auch die Universität selbst erlebt sie als einen Ort des Aufbruchs. Die neue Hochschule eröffnet Freiräume und Möglichkeiten, die an älteren Universitäten kaum denkbar gewesen wären. Bis heute schätzt Heider-Heil besonders die Vielfalt der Disziplinen und den interdisziplinären Austausch.
Nach ihrer Promotion entscheidet sie sich bewusst gegen den Weg in die Justiz oder in die Anwaltschaft. Stattdessen geht sie an die Katholische Akademie Schwerte. Dort begleitet sie zahlreiche Tagungen, auf denen juristische, gesellschaftliche und ethische Fragen diskutiert werden, oft lange, bevor sie ihren Weg in die Gesetzgebung finden.
Besonders interessieren sie das Sozial- und Familienrecht sowie die bioethischen Debatten jener Zeit. Viele Themen, die damals kontrovers verhandelt wurden, beschäftigen Politik und Gesellschaft bis heute. Wenn sie morgens die Nachrichten hört, erkennt sie manches wieder.
Ein Stück gelebter Fakultätsgeschichte
Besonders eindrücklich ist für sie die Erfahrung, Entwicklungen über Jahrzehnte hinweg verfolgen zu können. Sie erinnert sich an Diskussionen, aus denen später wegweisende Regelungen hervorgingen. Manche Debatten wurden zu Meilensteinen der Rechtsentwicklung und prägen die gesellschaftliche Wirklichkeit bis heute.
Mehr als fünf Jahrzehnte nach ihrer Promotion hält Dr. Hedwig Heider-Heil ihre Dissertation nun erneut in den Händen. Ausgerechnet während einer weiteren Umbauphase der Universität, die sich, wie schon in ihren Anfangsjahren, im Wandel befindet.