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Freigeist-Fellowships für zwei Bielefelder Forschende (Nr. 50/2022)

Veröffentlicht am 12. Mai 2022, 11:24 Uhr

VolkswagenStiftung fördert Historikerin und Biologen

Zwei Forschende der Universität Bielefeld erhalten Freigeist-Fellowships der VolkswagenStiftung. Die Fördergelder werden an junge Wissenschaftler*innen vergeben, die außergewöhnliche und risikobehaftete Forschungsprojekte planen. Die Historikerin Professorin Dr. Kornelia Kończal erhält mehr als 820.000 Euro für ihr Projekt zur öffentlichen Präsenz der Geschichte im postsozialistischen Europa. Ihr Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen dem kollektiven Gedächtnis und dem Aufstieg des Populismus zu erklären. Der Biologe Dr. Denis Meuthen bekommt 1,4 Millionen Euro für ein Projekt, in dem er an einer Süßwasserschneckenart untersucht, inwiefern die kurzfristige Anpassung an Umweltbedingungen bei der Evolution eine Rolle spielt. Damit hinterfragt er eine Grundannahme aus Darwins Evolutionstheorie.

Die Freigeist-Fellowships richten sich an Wissenschaftler*innen aus allen Disziplinen mit bis zu vierjähriger Berufserfahrung nach der Promotion. Diesmal haben sich insgesamt 170 Forschende beworben und 13 Projekte wurden bewilligt, darunter die beiden Forschungsvorhaben aus Bielefeld.

Aufdecken, wie sich Erinnerungspopulismus in Social Media verbreitet

Wie werden populäre Geschichtsbilder von der Politik und der Zivilgesellschaft benutzt und beeinflusst? Dazu forscht Professorin Dr. Kornelia Kończal von der Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie der Universität Bielefeld. Für ihr Projekt „Mnemonic Populism in Post-Socialist Europe“ („Erinnerungspopulismus im postsozialistischen Europa“) bekommt sie mehr als 820.000 Euro als Freigeist-Förderung für fünf Jahre.

Um die Rolle des kollektiven Gedächtnisses in populistischen Diskursen zu untersuchen, hat sie den Begriff Erinnerungspopulismus geprägt. Er umfasst „populäre Geschichtsbilder, die emotional und moralisch aufgeladen sind, die Komplexität der Geschichte stark reduzieren und mit historischen Fakten oft wenig zu tun haben“, sagt Kończal. Ein Beispiel dafür ist das polnische Holocaust-Gesetz von 2018. Mit ihm sollten Aussagen unter Strafe gestellt werden, die Polen eine Mitverantwortung für die Vernichtung der Juden unterstellen. „Das Gesetz wurde unter internationalem Druck zwar verändert, es wirkt aber bis heute nach.“

Zusammen mit ihrem Team will die Bielefelder Historikerin die Entstehung und Entwicklung des Geschichtspopulismus in den vergangenen 30 Jahren in sieben postsozialistischen Ländern Europas vergleichend untersuchen. Eine zentrale Herausforderung stellen dabei Social-Media-Beiträge dar. „Wir haben in der Geschichtswissenschaft bislang keine Instrumente, um Social Media als Quelle zu betrachten“, sagt sie. Auch deshalb gilt ihr Projekt als risikobehaftet. Kończal wird mit Kommunikationswissenschaftler*innen, Sozialwissenschaftler*innen und Informatiker*innen zusammenarbeiten, um Methoden zu entwickeln, mit denen sich etwa die Inhalte und die Reichweite von Social-Media-Beiträgen erfassen lassen.

Professorin Dr. Kornelia Konczal, Foto: Universität Bielefeld/Th. Wieland
Prof’in Dr. Kornelia Kończal startet ein Projekt zum Erinnerungspopulismus. Foto: Universität Bielefeld/Th. Wieland
Dr. Kornelia Kończal (39) ist seit Dezember 2021 Juniorprofessorin für Public History an der Universität Bielefeld. Das Studium der Literatur- und Kulturwissenschaft hat sie aus ihrem Herkunftsland Polen nach Deutschland, Frankreich und Luxemburg geführt. Während ihres Doktorats in Geschichte am European University Institute in Florenz forschte sie zudem in Großbritannien und Tschechien. In ihrer Promotion hat sie am Beispiel der Eigentumsgeschichte zwei miteinander verflochtene und doch selten zusammen gedachte Prozesse untersucht: die Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa und die Herausbildung einer neuen sozio-politischen Ordnung in dieser Region. Nach der Promotion arbeitete Kończal am Max-Weber-Kolleg in Erfurt, am Hannah-Arendt-Institut in Dresden und an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte sind die interdisziplinäre Erinnerungsforschung und die Geschichte des Kulturerbes.

Hinterfragen, ob die Standard-Evolutionstheorie tatsächlich umfassend gültig ist

Mit der Evolutionstheorie setzt sich Dr. Denis Meuthen von der Fakultät für Biologie der Universität Bielefeld auseinander. Über das Freigeist-Programm der VolkswagenStiftung wird er für sechs Jahre mit rund 1,4 Millionen Euro gefördert. Sein Projekt heißt „Plasticityled evolution in the phenotype of a freshwater snail: from the epigenome to genetic change“ („Plastizitätsgeleitete Evolution des Phänotyps einer Süßwasserschnecke: Vom Epigenom bis zur genetischen Veränderung“). Das Projekt stellt eine Grundannahme der Evolutionstheorie infrage: Sie besagt, dass Mutationen – also Veränderung des genetischen Materials – völlig zufällig passieren und sich deshalb zukünftige Mutationen nicht vorhersagen lassen. Meuthen untersucht die Gegenthese, dass es auch Mutationen geben könnte, die als Reaktion auf äußere Einflüsse entstehen und daher doch vorhersagbar sind.

Biolog*innen konnten nachweisen, dass einige Organismen auf ihre Umwelt reagieren, indem sie ihr Erscheinungsbild verändern. „Es gibt beispielsweise Schnecken, die stabilere Schalen entwickeln, um sich vor Fressfeinden zu schützen“, sagt Meuthen. Diese körperliche Veränderung basiert darauf, dass die Wahrnehmung der Anwesenheit von Räubern zur Bindung von Molekülen an die Schnecken-DNA führt. Diese zusätzlichen Atomgruppen verändern die DNA selbst allerdings nicht. Vielmehr wird dadurch gesteuert, wie oft das jeweilige Gen in Proteine umgewandelt wird. „Das wiederum wirkt sich auf äußere Merkmale von Schnecken und anderen Lebewesen aus.“

Meuthen geht der Frage nach, welche Konsequenzen dieser Prozess bis zu 30 Generationen später für das Genom hat. „Die genetischen Regionen, in denen diese Moleküle an die DNA gebunden sind, könnten eine höhere Mutationswahrscheinlichkeit aufweisen. Das würde belegen, dass die damit verbundenen Mutation nicht zufällig wären“, sagt Meuthen.

Die kurzzeitige DNA-Veränderung könnte somit der eigentlichen Evolution vorangehen. Das Phänomen wird auch als plastizitätsgeleitete Evolution bezeichnet. Um diese Form der Evolution zu untersuchen, forscht Meuthen an der Süßwasserschnecke Physella acuta. „Jeder experimentelle Nachweis einer durch Plastizität ausgelösten, nicht zufälligen Mutation würde die Standard-Evolutionstheorie erheblich erschüttern“, sagt er. „Das Wissen, dass einige Genregionen eher mutieren als andere, könnte uns einen Schritt näher an die Vorhersage künftiger Mutanten heranbringen. So ließe sich die Evolution besser vorhersehen als bisher.“

Bild von Mann neben einem Baum: Dr. Denis Meuthen, Fakultät für Biologie / Evolutionsbiologie
Dr. Denis Meuthen erforscht die Dynamiken der Evolution an Süßwasserschnecken. Foto: Sarah Jonek Fotografie
Dr. Denis Meuthen (37) ist seit Januar 2020 als Postdoktorand an der Universität Bielefeld tätig. Er arbeitet zurzeit in der Arbeitsgruppe Evolutionsbiologie von Professor Dr. Klaus Reinhold. Er studierte Biologie an der Universität zu Köln und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. In seiner Promotion befasste er sich vor allem mit phänotypischer Plastizität, der Fähigkeit von Individuen, sich im Laufe ihres Lebens an ihre Umwelt anzupassen. An-schließend arbeitete Denis Meuthen an der University of Saskatchewan in Kanada zwei Jahre daran, die transgenerationale Plastizität, also den Einfluss der elterlichen Umwelt auf die Folgegeneration, zu erforschen. An der Universität Bielefeld ist sein Forschungsschwerpunkt nun die Rolle der Plastizität in der Evolution.

Förderung für außergewöhnliche Perspektiven und Lösungsansätze
Die Freigeist-Fellowships richten sich laut VolkswagenStiftung an ungewöhnliche und mutige Forscher*innen aus allen Fachgebieten in den ersten vier Jahren nach ihrer Promotion. Ein Freigeist-Fellow „erschließt neue Horizonte und verbindet kritisches Analysevermögen mit außergewöhnlichen Perspektiven und Lösungsansätzen“, so die VolkswagenStiftung. Erstmals erhielt 2014 eine Wissenschaftlerin der Universität Bielefeld ein Freigeist-Fellowship – die Biologin Professorin Dr. Barbara Caspers. Für ihr Forschungsprojekt beschäftigte sie sich mit Zebrafinken und untersuchte, welche Rolle der Geruch bei Partnerwahl und Fortpflanzung spielt und wie er genau entsteht.

Weitere Informationen:

 


Kontakt:
Professorin Dr. Kornelia Kończal
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie
E-Mail: kornelia.konczal@uni-bielefeld.de
 
Dr. Denis Meuthen
Fakultät für Biologie
E-Mail: denis.meuthen@uni-bielefeld.de

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