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Bisher einmalig: Das HDZ NRW transplantiert sieben Herzen in acht Tagen

Veröffentlicht am 30. April 2024, 12:59 Uhr
Eine solche Transplantationsserie hat das Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW) in Bad Oeynhausen seit Bestehen noch nicht erlebt. Chefärzte loben Zusammenhalt, Können und Einsatzbereitschaft aller Beteiligten.

Die Herztransplantation gilt als Königsdisziplin der Herzchirurgie. Dabei ist es aus heutiger Sicht ein Routineeingriff, das Herz eines Patienten aus dem Brustkorb zu entfernen und ein fremdes Herz neu einzusetzen. Genau das machen die Herzspezialisten am größten Herztransplantationszentrum in Deutschland, am HDZ NRW, bereits seit 35 Jahren mit großem Erfolg. Doch innerhalb von acht Tagen tatsächlich sieben Herzen zu transplantieren, damit haben auch die erfahrensten Experten in Bad Oeynhausen nicht gerechnet.

„In einer Zeit, in der unsere Patienten dringender denn je auf ein passendes Spenderorgan warten müssen, ist das eine absolute Seltenheit“, sagt Professor Dr. Jan Gummert, Ärztlicher Direktor in Bad Oeynhausen und Klinikdirektor der Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie. Rund 80 Herztransplantationen jährlich werden hier durchgeführt. Davon etwa vier bis acht Herztransplantationen pro Jahr betreffen Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 16 Jahren, die Prof. Univ. (assoc.) Dr. Eugen Sandica, Direktor der Klinik für Kinderherzchirurgie und angeborene Herzfehler, und sein Team operieren.

Transplant-Koordinator Artur Rajtor kann sich nur zu gut an den Beginn der sagenhaften Operationsserie in diesem Frühjahr erinnern: „Es war ein Montag. Der Anruf von Eurotransplant kam in der frühen Nacht“. Die 59-jährige Andrea Nagel hat nur wenige Stunden später am hellichten Tag ein Spenderherz erhalten. In den Tagen darauf wurden Manuel Pickard (45), Hans Nyenhuis (63) und Oliver Alert (55) erfolgreich transplantiert. Rajtor, sein Kollege Stefan Wlost und ihr Team im Transplantationsbüro sind rund um die Uhr in Wechselschichten erreichbar, um die Vorbereitung der Patienten zur Operation, die Organentnahme, den Transport des Spenderherzens in das HDZ NRW sowie die zeitliche Abstimmung zwischen den Teams zu organisieren. Denn ein Spenderherz sollte vom Zeitpunkt der Entnahme an innerhalb von höchstens vier Stunden transplantiert werden.

Sämtliche Zeitabläufe einschließlich der Bereitstellung der OP-Kapazitäten werden genauestens dokumentiert. Auch hausintern sind viele Stellen zu informieren. „Dieses Zusammenspiel unserer Fachbereiche ist die eigentliche Königsdisziplin“, bestätigen die Chefchirurgen Gummert und Sandica. „Was unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier leisten, ist einfach ein unglaubliches, hochprofessionelles Teamwork. Herztransplantationen in dieser Taktung zu realisieren, ist eine immens anspruchsvolle Aufgabe für sämtliche Fachabteilungen auf vielen verschiedenen Ebenen. Sie erfordert eine hohe Bereitschaft, andere Belange hier der akuten Lebensrettung unterzuordnen, die OP-Planung anzupassen, Arbeitsabläufe und -zeiten flexibel anzupassen, damit alle Rädchen perfekt ineinander greifen und die Transplantation möglich wird. Und sie geht weiter bis lange Zeit nach der Transplantation mit sehr sorgfältiger und regelmäßiger medizinischer Nachsorge. Das ist in dieser Form sicherlich einmalig im HDZ NRW.“

Herzchirurg Andreas Godo ist während der sieben Tage und acht Nächte, um die es geht, derjenige, der die meiste Zeit unterwegs ist – und zwar in der Luft und auf der Straße. Denn einmal mehr ist „der Mann der tausend Herzen“ derjenige, der die meisten der sieben Spenderherzen in auswärtigen Kliniken entnommen, sicher ins HDZ transportiert und damit die meisten Kilometer absolviert hat. Seine Kollegen Kanstantsin Lazouski und Georges El Hachem übernahmen weitere Entnahmen und Fahrten.

Im OP-Saal wechselten sich die Teams der Oberärzte René Schramm und Sabine Bleiziffer mit Professor Sandica und den Kinderherzspezialisten ab, um auch Michael Grob (49), eine 15-jährige Patientin und die erst zweijährige Julia erfolgreich zu transplantieren. „Natürlich ist es sehr schwierig, nach einer solchen Serie alle Beteiligten für ein gemeinsames Foto zu versammeln“, sagt Gummert. „Aber es ist doch noch ein schönes Erinnerungsfoto gelungen.“ Die Patienten konnten inzwischen in eine anschließende Rehabilitation und danach nach Hause entlassen werden.

Den weitesten Anreiseweg hatte übrigens Hans Nyenhuis. Der 63-jährige Kunstherzpatient musste pünktlich mit dem Hubschrauber aus Rostock abgeholt werden, um rechtzeitig im OP-Saal zu sein. Bis dahin hat er fast sechs Jahre mit seinem künstlichen Herzunterstützungssystem gelebt. „Mein Dank gilt allen Menschen, die mich in dieser Zeit begleitet und mir im HDZ beigestanden haben.“

Soviel steht fest: Nur große Zentren mit entsprechendem erfahrenen Fachpersonal können sicherstellen, dass die wenigen zur Verfügung stehenden Spenderorgane auch dann nicht

verloren gehen, wenn mehrere Transplantationen gleichzeitig oder in Serie realisiert werden müssen. Nicht immer gelingt das, auch das muss an dieser Stelle erwähnt werden. „Natürlich kommt es auch vor, dass wir Organangebote wegen fehlender Eignung ablehnen müssen und die Hoffnung unserer Patienten auf eine zeitige Transplantation zerplatzt. Leider können wir manchmal auch mit einer erfolgten Herztransplantation oder während einer sehr langen Wartezeit nicht allen Schwerkranken dauerhaft helfen“, sagt Professor Gummert. „Aber in diesem Fall haben sieben Menschen eine neue Lebensperspektive erhalten und gute Aussichten, noch viele Jahre mit Spenderherz zu genießen. Das ist die schönste Bestätigung für unsere Arbeit.“

 Hintergrundinformation:

Auf der Warteliste für eine Herztransplantation stehen mehr als 1.000 schwer herzkranke Menschen in Deutschland (DSO, Stand 31.12.2022). 2023 haben 75 Patientinnen und Patienten im Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, ein Spenderherz erhalten, 2022 waren es 95 Patienten. Mit der sogenannten erweiterten Zustimmungslösung regelt das Transplantationsgesetz die rechtlichen Voraussetzungen für die Spende, Entnahme und Übertragung von menschlichen Organen. Da Deutschland zunehmend auf Spenderorgane aus dem Ausland angewiesen ist (rd. 10% lt. Jahresbericht DSO 2023), wird aktuell die Einführung einer Widerspruchslösung diskutiert, nach der Verstorbenen Organspenden entnommen werden dürfen, sofern sie der Entnahme vor dem Tod nicht widersprochen haben. Die Widerspruchslösung ist die am meisten verbreitete Organspenderegelung in Europa.
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