Abt. Geschichtswissenschaft
Vom Seminar in die Stadtgesellschaft: Oral History-Forschung über Bielefelds internationale Stadtgeschichte im Gespräch
Am 5. Februar wurde im Internationalen Begegnungs-zentrum Bielefeld (IBZ) spürbar, welcher Mehrwert entsteht, wenn Universität und Stadtgesellschaft in den Austausch kommen. Studierende der Universität Bielefeld sprachen mit Menschen aus der Bielefelder Stadtgesellschaft über Bielefeld als internationale und postmigrantische Stadt.
Der Nachmittag war der Abschluss eines interdiszipli-nären Forschungsseminars zur Internationalen Stadt-gesellschaft Bielefelds an der Universität Bielefeld, das von Dr. Caroline Authaler & Dr. Svenja Haberecht geleitet wurde.
Rund 30 Studierende aus Geschichtswissenschaft und Soziologie haben im Seminar insgesamt 11 biografische Oral History-Interviews mit Bielefelder*innen geführt. Sie geben unterschiedliche Antworten auf zentrale Fragen, die sich die Studierenden gestellt haben: Wie ist Bielefeld zu dem geworden, was es heute ist: eine internationale, multikulturelle Großstadt? Wie entwickelt sich Bielefeld durch die diversen und internationalen Einflüsse seiner Bewohner*innen stetig weiter? Welche Herausforderungen gab und gibt es für das Zusammenleben in Bielefeld? Im IBZ haben die Studierenden erste Ergebnisse vorgestellt und dann in gemischten Kleingruppen zur Diskussion gestellt: Welche Muster werden erkennbar? Welche Themen fehlen noch und welche Fragen müssen wir als Nächstes stellen?
Kritisch forschen: Wer erzählt Stadtgeschichte – und wer kommt vor?
Kern des Projekts ist die kritische Auseinandersetzung mit akademischem Wissen über die internationale, postmigrantische Gesellschaft, in der wir leben. In der Geschichtsschreibung wird häufig noch zwischen „deutscher Geschichte“ und „Migrationsgeschichte“ getrennt. Wir wollen diese Trennung aufbrechen und Migration als „Normalfall“, als integralen Bestandteil der Bielefelder Geschichte bearbeiten.
Aus soziologischer Perspektive ist die vermeintlich neutrale Sichtweise auf Gesellschaft häufig immer noch eine männliche, eine heterosexuelle, westliche, weiße, bildungsbürgerliche. Deshalb gehörten zum Projekt, im Sinne einer kritischen Gesellschaftsforschung, immer auch die Fragen: Wer produziert welches Wissen über wen? Wer profitiert von Forschung – und wer nicht? eine veränderte Perspektive, die der sozialen Realität unserer Stadtgesellschaft mehr entspricht, braucht eine Vielheit an Stimmen. Genau hier setzte der Austausch im IBZ an: als Erweiterung der Perspektiven und Erfahrungen, als Korrektiv, als gemeinsames Denken.
Die internationale Stadtgesellschaft Bielefeld untersuchen
Das Seminarprojekt lief seit Oktober 2025 und ist in einen größeren Zusammenhang eingebettet, der darauf zielt, Bielefelds Stadtgeschichte inklusiver zu erzählen. Bereits 2022 forderte der Bielefelder Integrationsrat, die Geschichte der sogenannten „Gastarbeiter“ stärker zu erinnern; daraus entstand eine Ausstellung im Historischen Museum. 2024 folgte ein erstes universitäres Seminar, in dem Studierende Interviews zur Migrationsgesellschaft Bielefeld führten, vor allem mit Engagierten aus internationalen Vereinen und dem Integrationsrat. Der aktuelle Seminarzyklus knüpft daran an und führt den Ansatz fort: Stadtgeschichte soll kollaborativ und partizipativ erarbeitet werden, um unterschiedliche Perspektiven abzubilden und bislang wenig bekannte oder vergessene Inhalte hörbar zu machen.
Was wir mitnehmen
Die Veranstaltung im IBZ war vor allem deshalb stark, weil sie nicht beim „Input“ stehen blieb. Die Teilnehmenden kamen aus unterschiedlichen Bereichen, wie der internationalen Familienarbeit, der Stadteilsozialarbeit, von Frauengruppen, von Personen aus dem Pflegebereich etc. und brachten ihre Sichtweisen auf Themen wie Arbeit, Mehrsprachigkeit, Zugehörigkeit und Internationalität ein. Die Gespräche haben Perspektiven erweitert, blinde Flecken markiert und Lust auf Weiterarbeit gemacht. Gleichzeitig wurde sichtbar, dass viele ein Interesse daran haben, dass Forschung nicht im akademischen Raum verbleibt, sondern in die Stadt zurückwirkt – als Austausch, als Zusammenarbeit, als gemeinsame Erinnerung und Debatte.
Von Caroline Authaler und Svenja Haberecht