Abt. Geschichtswissenschaft
Kooperation mit Bielefeld postkolonial und Perspektiven auf lokale Erinnerungen
Bielefeld postkolonial war ein lokaler Kooperationspartner des Projekts. Die Initiative arbeitet seit den frühen 2000er Jahren zu kolonialen Spuren in Bielefeld und Umgebung und trägt dieses Wissen über Stadtführungen und Workshops in die Stadtgesellschaft. Für das Seminar eröffnete diese Zusammenarbeit einen gemeinsamen Gesprächs- und Reflexionsraum zwischen Universität und Stadtgesellschaft. Schon im Vorfeld unterstützte Bielefeld postkolonial die Seminarplanung mit Hinweisen auf bereits anrecherchierte Themen der regionalen Kolonialgeschichte mit Kamerun-Bezug. Die Studierenden haben von dort ausgehend weitergeforscht, Themen perspektiviert und diese auf eigene Forschungsfragen zugeschnitten.
Im Seminarkontext waren vor allem die Vermittlungserfahrungen von Bielefeld postkolonial interessant: Was ist in der Stadtgesellschaft über die Kolonialgeschichte bekannt und welche Herausforderungen folgen daraus für die Vermittlung? Sehr einprägsam war die Beobachtung von Barbara Frey, dass viele der Teilnehmenden der postkolonialen Stadtrundgänge kein Wissen oder höchstens diffuses Wissen über die Kolonialzeit mitbringen. Diese Erfahrung war für das Seminar zentral, weil sie half, die postkoloniale Erinnerungslandschaft in Bielefeld ins Verhältnis zu Perspektiven aus Ostkamerun zu setzen. Auf den Exkursionen der Studierendengruppe in Bertoua unter Leitung von Omer Tadaha konnten in mehreren Städten Passant*innen physische Orte wie Gebäude, Straßen und Brücken benennen, die aus der deutschen Kolonialzeit stammen und auch Hinweise auf deren Funktionen geben. Die Studierenden aus Bertoua berichteten von Geschichten und Erzählungen über die deutsche Kolonialgeschichte, die ihnen bereits in ihrer Kindheit im familiären Kontext weitertradiert wurden.
Das „Nicht-Wissen“ in Deutschland/Bielefeld wurde im Seminar nicht nur bestätigt, sondern in Relation gesetzt: Durch die Perspektiven aus Bertoua verschob sich der Blick von der Frage: „Was wissen Menschen hier?“, hin zu: „Unter welchen Bedingungen wird wo erinnert – und warum?“. Diese transregionale Kontextualisierung ist ein Mehrwert, der zurück in die lokale Bildungsarbeit wirken kann. Deshalb lud Bielefeled postkolonial Dr. Omer Tadaha am 15. Mai zu einem Vortrag mit Diskussion ins Welthaus Bielefeld ein. Das Interesse an der Veranstaltung war so groß, dass kurzfristig zusätzliche Stühle aus anderen Räumen geholt werden mussten. Im Publikum saßen Studierende, Personen mit beruflichen Kamerun-Aufenthalten und eine Interessierte und führte somit unterschiedliche Öffentlichkeiten zusammen.
Die Kooperation mit Bielefeld postkolonial wirkte in beide Richtungen: Bielefeld postkolonial brachte lokale Erfahrung und einen Zugang zur städtischen Erinnerungspraxis ein; das Seminar brachte die transnationale Relation zu Ostkamerun ein. Gerade diese Gegenseitigkeit war produktiv.