Abt. Geschichtswissenschaft
Der nicht-lineare Dokumentarfilm als Medium der Vermittlung
Die Studierenden haben zu den Ergebnissen ihrer Recherchen und über den Forschungsprozess selbst Videos gedreht. Zusammen mit dem Videomaterial aus Bertoua sind so 24 Videos von etwa zwei bis sieben Minuten Länge entstanden. Diese Videos sind das Material des nicht-linearen Dokumentarfilms. Durch die 24 Clips, die in unterschiedlicher Reihenfolge angesehen werden können, erhalten Zuschauende einen Eindruck von der Arbeit und dem Rechercheprozess der Seminare aus Bertoua und Bielefeld, hören Stimmen von erinnerungskulturell relevanten Personen und erhalten Einordnungen von Quellenmaterial.
Warum haben wir uns für ein nicht-lineares Format anstelle eines klassischen linearen Dokumentarfilms entschieden? Eine lineare Erzählstruktur suggeriert häufig eine eindeutige, abgeschlossene Geschichte mit klarer zeitlicher Abfolge und eindeutigen Bedeutungen. Gerade im Kontext von Kolonialgeschichte ist dies jedoch problematisch, da solche Narrative dazu neigen, komplexe Beziehungen und Machtverhältnisse zu vereinfachen und eine Perspektiven als vermeintlich objektive „Hauptgeschichte“ zu reproduzieren. Ein nicht-lineares Format eröffnet hingegen die Möglichkeit, Widersprüche, Brüche und Mehrstimmigkeit sichtbar zu machen und so der Vielschichtigkeit kolonialer Vergangenheit gerechter zu werden.
Die Studierenden haben von Beginn an ihren Arbeitsprozess im Seminar und außerhalb mitgefilmt und große Teile selbst geschnitten. Unterstützt wurden sie dabei von der Medienpraxis des BITS und dem Seminar „Geschichte im non-linearen Bewegtbild: Filmprojekt zu postkolonialen Erinnerungen“ von Daniel Brandau. Das interaktive und nicht-lineare Format hat das Seminar mithilfe der Software Korsakow umgesetzt. Das Seminar hat zwölf thematische Schlagworte entwickelt und den Videos zugeordnet. Über dieses Schlagwortnetz verknüpft die Software die Videos miteinander, sodass multiple Verbindungen zwischen den Videos entstehen.
Dieser nonlineare Film hat keine feste Reihenfolge der Filmsequenzen. Nach jeder Sequenz entscheiden die Zuschauer*innen durch Antippen, welche der zwei bis drei vorgeschlagenen nächsten Sequenzen sie sehen möchten. Die einzelnen Videos müssen nicht bis zum Ende geschaut werden, bevor das nächste Video startet. Auf diese Weise entsteht ein Netzwerk aus thematisch verbundenen Sequenzen, die die nicht-lineare Struktur des Films erzeugt und den Zuschauenden erlaubt, individuelle Pfade durch das Material zu erkunden.
Die Videos sind durch Schlagworte im Hintergrund miteinander verknüpft. Jedes Video kann nur einmal gesehen werden, danach wird es nicht mehr vorgeschlagen. Es ist möglich, dass die Zuschauer*innen durch ihre Entscheidungen nicht alle Filmsequenzen sehen.
Es gibt drei Themenbereiche, denen sich die Videos zuordnen lassen:
1. Die Recherchen der Studierenden in Bielefeld und Bertoua
2. Interviews zu Erinnerungen in Ostkamerun und Ostwestfalen-Lippe
3. Drei historische Verbindungen zwischen den beiden Regionen:
a) Handel zwischen Ostwestfalen und (Ost)Kamerun mit landwirtschaftlichen Produkten wie Kakao und Kautschuk
b) personelle Verbindungen zwischen Charles Atangana und August und Hedwig Kirchhof aus Lippe
c) das Verhältnis zwischen dem Bielefelder Franz Reuter und der Gruppe der Makaa
Die Koordination der Verschlagwortung und Vernetzung der Videos ist komplex und konnte nicht als Gruppenaufgabe erledigt werden. Laura Schäfer konnte als studentische Hilfskraft und Studentin der Geschichtswissenschaft diesen Prozess auch inhaltlich steuern.