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Berufswege: Einblicke von BGHS-Alumni in Arbeitsfelder im Kulturbereich
Berufswege: Einblicke von BGHS-Alumni in Arbeitsfelder im Kulturbereich
Außerakademische Arbeitsfelder bieten großartige berufliche Möglichkeiten für promovierte Historikerinnen und Historiker. Das wurde wieder einmal deutlich in der BGHS-Veranstaltung „Karrierewege – Einblicke von BGHS-Alumni in den Bereich Kultur“, die Ende April online stattfand. Vier BGHS-Alumni erzählten von ihren abwechslungsreichen beruflichen Tätigkeiten in Museum, Gedenkstätte, Archiv und Bibliothek, wie sie zu ihren Positionen gekommen sind und der hohen Lebensqualität, die ihnen die Beschäftigungen ermöglichen.
Kultur – ein weites Feld
Die Berufstätigkeit im Kulturbereich bietet nicht nur breit gefächerte Beschäftigungsmöglichkeiten, sondern die Jobs selbst sind auch ausgesprochen vielseitig und abwechslungsreich. Kooperationen spielen eine wichtige Rolle, was sich schon an den Zuordnungen der Organisationen zeigt, in denen die Alumni arbeiten.
Christiane Heß ist in der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte tätig und zuständig für Veranstaltungen und Vermittlungsarbeit in den Gedenkstätten Fuhlsbüttel, Poppenbüttel und dem Geschichtsort Stadthaus. Das heißt, sie entwickelt Bildungsarbeit für Jugendliche und Erwachsene zum Beispiel zu Inhalten der Polizeigeschichte und der Verfolgung im Nationalsozialismus. Zuletzt hat sie sich allerdings vor allem mit der Entwicklung des Geschichtsortes Stadthaus beschäftigt und hat sich dabei auch mit Dingen wie Baubegleitung befasst und eine Ausstellung kuratiert. Damit haben sich ihre Aufgaben deutlich ausgeweitet.
Im Staatsarchiv Leipzig, einer Abteilung des Sächsischen Staatsarchivs, geht es ganz anders zu. Torben Möbius ist zuständig für die Überlieferungsbildung, das heißt, er entscheidet, welche Unterlagen historisch so bedeutsam sind, dass sie für lange Zeit archiviert werden. Dabei berät er staatliche Stellen, etwa Polizeibehörden, die in der Region Leipzig ansässig sind, in der Schriftgutverwaltung, sorgt aber auch für den Transfer der Unterlagen ins Archiv. Außerdem beantwortet er Anfragen von Nutzerinnen und Nutzern des Archivs, ist zuständig für des Redaktion eines Weblogs zu archivpraktischen wissenschaftlichen Themen und allgemein für die Pressearbeit.
Vor allem koordinierende Tätigkeiten hat Martin Breuer als Leiter der Geschäftsstelle des Kompetenznetzwerks Deutsche Digitale Bibliothek bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Er ist zuständig für die Finanzverwaltung, die Berichtsarbeit für die Gremien, das Netzwerken mit anderen Kultureinrichtungen und Standorten der Deutschen Digitalen Bibliothek und die Pressearbeit. Darüber hinaus wirbt er Drittmittel ein. Und natürlich ist die Leitung der Geschäftsstelle mit einem Team von zehn Beschäftigten eine nicht zu unterschätzende Aufgabe.
Christian Möller ist stellvertretender Institutsleiter im Historischen Museum Bielefeld. Er kuratiert Ausstellungen und Sonderausstellungen des Museums und hat in diesem Rahmen auch Möglichkeiten zu forschen, wobei er sich insbesondere mit der Regionalgeschichte beschäftigt. Außerdem ist er für Öffentlichkeits- und Transferarbeit zuständig, den sogenannten ‚Outreach‘. Das heißt, er knüpft Kontakte in Bielefeld, etwa zur jüdischen Kultusgemeinde oder zum Historischen Verein, mit denen dann Veranstaltungen organisiert werden, und realisiert Kooperationsprojekte. Als stellvertretender Leiter übernimmt er auch Aufgaben in der internen Organisation, zuletzt etwa das Verfahren zur Nachhaltigkeitszertifizierung.
Berufswege – Von Zielen und Umwegen
Die Berufswege der vier Alumni sind nicht geradlinig verlaufen, sondern alle haben den einen oder anderen ‚Schlenker‘ gemacht.
Martin etwa war während der Promotion und auch noch als Postdoc als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Verbundprojekt beschäftigt und hat dort auch Koordinationsaufgaben übernommen. Danach hat er weiter auf befristeten Stellen gearbeitet: als Projektleiter in einem befristeten Projekt der Deutschen Digitalen Bibliothek, als Elternzeitvertretung und im Wissenschaftsmanagement. Die Erfahrungen, die er auf diesen Stellen sammeln konnte, haben ihn letztlich für seine derzeitige Tätigkeit empfohlen. Geplant war das Ganze aber nicht.
Die Wehrmachtsausstellung, die ab 1995 in Deutschland gesellschaftspolitisch große Wellen schlug, hat bei Christiane erinnerungspolitisches Interesse und Aktivismus geweckt. Sie hat schon als studentische Hilfskraft in der Stiftung gearbeitet, die damals noch Gedenkstätte Neuengamme hieß, und später ihre Dissertation zu den Konzentrationslagern Ravensbrück und Neuengamme geschrieben. So war sie immer wieder in Kontakt mit den Gedenkstätten, als Forscherin, Kuratorin und in der Bildungsarbeit. Nach der Promotion hat sie aber zunächst vier Jahre im Bereich Public History an der Universität Lüneburg gearbeitet und dort auch ein Postdoc-Projekt vorbereitet. Als aber ihre jetzige Stelle ausgeschrieben wurde, hat sie zugegriffen, auch wenn es sich nicht um eine Stelle für Forschung, sondern um eine pädagogische Stelle handelte, die etwas schlechter bezahlt wird. „Das ist eine Realität in Museen, mit der man klarkommen muss“, meint sie. Aber die Stelle ist unbefristet und damit besser mit der Familie zu vereinbaren.
Auch Christian hat zunächst eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Düsseldorf gehabt und dort ein Postdoc-Projekt erarbeitet. Dann lief die Stelle aus und sein zweites Kind wurde geboren, und damit war klar, dass die in der Uni üblichen Befristungen nicht mehr in Frage kamen. Es taten sich dann zwei Optionen auf: Zum einen hatte er erfolgreich an einem Assessment-Verfahren für Nachwuchsführungskräfte der Bundesanstalt für Arbeit teilgenommen und hätte dort anfangen können. Zum anderen gründete der NRW-Landtag Düsseldorf ein neues Museum, das „Haus der Geschichte“, und suchte dafür einen Mitarbeiter. Christian hat sich auch darauf erfolgreich beworben und diese Stelle angenommen, was sein Einstieg in den Museumsbereich war und der „Türöffner für die Stelle in Bielefeld“, wie er sagt.
Anders als die anderen drei hat Torben schon früh nach der Promotion überlegt, dass er raus aus der Wissenschaft wollte. Trotzdem hat er übergangsweise noch als wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB „Praktiken des Vergleichens“ gearbeitet und diese Zeit genutzt, sich neu zu orientieren. Während seiner Forschung hat er viel Zeit im Archiv verbracht und sich diesen Berufsbereich gezielt ausgesucht. Er hat zunächst ein längeres Praktikum im Landeskirchlichen Archiv in Bielefeld gemacht, um herauszufinden, „ob das was für mich sein könnte“, wie er sagt. Er ist dann den strukturierten Weg gegangen und hat ein zweijähriges Referendariat gemacht, das eine Phase von acht Monaten im Ausbildungsarchiv und 14 Monate Archivschule in Marburg umfasste. Mit dieser Ausbildung kann man sich auf Stellen im höheren Dienst bewerben, die in der Regel unbefristet und gut bezahlt sind.
Zufriedenheit und Lebensqualität
Die vier Alumni sind sehr zufrieden mit ihrer Situation und sich einig, dass ihre Stellen ihnen eine höhere Lebensqualität ermöglichen, als das in der akademischen Wissenschaft zu erwarten gewesen wäre. Das liegt unter anderem daran, dass alle Kinder und Familie haben und weder die Befristungen noch das Pendeln länger mitmachen wollten oder konnten. Sie genießen es aber auch sehr, dass Arbeit und Freizeit klar getrennt sind. „Es ist befriedigend, wenn man in der Woche einen ganzen Wust von Arbeit abarbeitet und dann am Freitag sagt: Es ist jetzt mittags, ich mach jetzt Feierabend und hab Wochenende“, so Christian. Auch Torben meint: „Es gibt ‘ne Stechuhr. Wenn ich hier die Bürotür zumache oder zuhause den Laptop zuklappe, habe ich Freizeit.“ Martin macht kleine Einschränkungen, wenn er sagt: „Ich beschäftige mich durchaus mit Dingen, die ich nicht als so spannend empfinde, aber es ist ein Job, der Lebensqualität bietet“, etwa wenn er Überstunden „abbummeln“ kann. Auch die anderen berichten über manche strukturellen Probleme, wie zum Beispiel Mittelkürzungen und marode Gebäude, die allerdings alle öffentlichen Institutionen erfassen. Christiane erzählt auch über Probleme, die sich aus der Zusammenarbeit von Ehrenamtlichen, freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Festangestellten ergeben. Das sei ein hierarchisches Gefüge, das sie sich „in einer perfekten Welt“ anders wünschen würde. „Aber insgesamt arbeite ich in einem Bereich, der ist extrem sinnhaft und einfach total wichtig“, meint sie. Und auch wenn sie gerne mehr Zeit zum Forschen hätte, ist sie insgesamt sehr zufrieden.
Einige Ratschläge – nicht nur für den Kulturbereich
Martin weist darauf hin, dass es angenehme Unterschiede zwischen der akademischen Wissenschaft und außerakademischen Berufsfeldern gibt. So sei in der Wissenschaft oft keine hohe Wertschätzung für die Promotion vorhanden, was einen manchmal an den eigenen Fähigkeiten zweifeln lässt. Das sei aber außerhalb der Wissenschaft oft ganz anders, wo die Promotion als Auszeichnung angesehen wird. Er meint, es ist wichtig, im Vorstellungsgespräch und auch im Beruf selbstbewusst aufzutreten, denn man erwirbt doch so Einiges während der Promotion: ein breites Hintergrundwissen über historische und politische Zusammenhänge sowie die Fähigkeiten, sich schnell in andere Kontexte einzuarbeiten und Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden zu können.
Christian rät zum Mut zur Offenheit. Er meint, man brauche einen „Traum“ davon, was man machen möchte – aber eben auch die Bereitschaft, davon abzuweichen. Er sagt: „Mich hat enorm befreit, dass ich mich bei der Bundesagentur für Arbeit beworben habe und das Assessmentcenter mitgemacht habe und die Zusage hatte.“ Die Vorstellungsgespräche danach waren entspannt, denn er hatte eine andere Option.
Torben empfiehlt, gut darüber nachzudenken, was man nach der Promotion machen will, und sich bald zu entscheiden, damit „keine lange Phase des Rumeierns“ entstehe. Man muss aber auch Geduld mit sich selbst haben. „Man braucht bei Bewerbungen einen Freischuss, wo man erstmal üben muss, wo’s vielleicht auch in die Hose geht. Davon darf man sich nicht entmutigen lassen.“
Und Christiane rät, Erfahrungen schon mal im Kleinen zu sammeln, also an kleinen Projekten zu üben, zum Beispiel im Rahmen der Promotion, bei Praktika oder durch Engagement vor Ort. Dabei lerne man unterschiedliche Leute und Perspektiven kennen. Erst einmal müsse man in den Bereich reinschnuppern, ihn verstehen und ausprobieren, ob man sich damit wohlfühlt.
Es war wieder eine anregende und inspirierende Veranstaltung, in der wir viel Neues gelernt haben und uns überzeugen konnten, dass außerakademische Berufswege viele spannende Möglichkeiten bieten, ein gutes (Berufs-)Leben zu finden.