Zentrum für interdisziplinäre Forschung
Narratives in/of Criminology
german version below
Narratives are a fundamental part of how society deals with crime. When something is interpreted as 'criminal' and reacted to, stories are told and thus meaningful and convincing representations of the course of events are established. Narratives are not 'truthful' depictions of social reality, even if they refer to non-linguistic reality. Rather, they are context-dependent and changeable entities that play a constitutive role in the linguistic construction of crime reality(/ies). Whether we are talking about police interrogations, disputes in court, political discourse or media coverage of crime: Specific sequences of events are always described, responsibilities ascribed and attributed, justifications sought and alternative interpretations evaluated.
The workshop participants (Photo: Universität Bielefeld)
The scientific study of the phenomena of crime and punishment can also be seen as a narrative form of reality production. Crime research not only regularly uses narrative survey methods (e.g. interviews), but also produces (scientific) narratives itself: about the contexts in which criminal behavior is justified, about escalation spirals in control situations or even about why the label 'crime' is assigned by society in the first place. The study of crime can be understood as a narrative process and as a power-dependent constitution of reality. In March, an interdisciplinary and international workshop was held on this topic, which was dedicated to this narrative dimension of crime. Empirical study results were discussed from a narrative perspective and analyzed with regard to their theoretical and methodological implications for crime research.
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Narrationen bilden einen grundlegenden Bestandteil des gesellschaftlichen Umgangs mit Kriminalität. Wenn etwas als ‚kriminell‘ interpretiert und darauf reagiert wird, werden Geschichten erzählt und damit sinnstiftende und möglichst überzeugende Darstellungen von Ereignisverläufen etabliert. Erzählungen stellen dabei keine ‚wahrheitsgetreue‘ Abbildungen sozialer Wirklichkeit dar, auch wenn sie auf außersprachliche Realität referenzieren. Vielmehr handelt es sich um kontextabhängige und wandelbare Gebilde, die eine konstitutive Rolle in der sprachlichen Konstruktion von Kriminalitätswirklichkeit(en) einnehmen. Ob es sich dabei um polizeiliche Vernehmungen, um Auseinandersetzungen vor Gericht, den politischen Diskurs oder die mediale Berichterstattung über Kriminalität handelt: Stets werden spezifische Abläufe des Ereignisses geschildert, Verantwortlichkeiten be- und zugeschrieben, Rechtfertigungen gesucht und alternative Interpretationen bewertet.
Auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit Phänomenen der Kriminalität und der Bestrafung lässt sich als eine narrative Form der Wirklichkeitsproduktion fassen. Die Kriminalitätsforschung nutzt nicht nur regelhaft narrativ verfasste Erhebungsmethoden (u.a. Interviews), sondern sie produziert selbst (Wissenschafts‑)Erzählungen: über Begründungszusammenhänge von kriminellem Handeln, über Eskalationsspiralen in Kontrollsituationen oder auch darüber, warum gesellschaftlich überhaupt das Label ‚Kriminalität‘ vergeben wird. Die Erforschung von Kriminalität lässt sich als narratives Geschehen und als machtabhängige Konstitution von Wirklichkeit verstehen. Zu diesem Thema fand im März ein interdisziplinär und international besetzter Workshop statt, der sich sich dieser narrativen Dimension von Kriminalität widmete. Empirische Studienergebnisse wurden dabei unter narrativer Perspektive diskutiert und im Hinblick auf ihre theoretisch-methodologischen Implikationen für die Kriminalitätsforschung analysiert.