Zentrum für interdisziplinäre Forschung
Against the Narco Narratives - New Long-Term Group at ZiF
English text below
Gegen die Narco-Narrative
Zwischen Drogenmärkten, Gewalt und Staatsmacht besteht eine so feste wie unheilvolle Verbindung: Der Umgang mit Drogen und Drogenhandel ist, vor auf den amerikanischen Kontinenten, von militarisierten Maßnahmen geprägt, die kriegsähnliche Ausmaße annehmen können. „Dabei erfordert das, was da gewöhnlich als Drogenkartell bezeichnet wird, ganz andere Maßnahmen. Die Militarisierung wirkt, als würde man Öl ins Feuer gießen und bringt noch mehr Gewalt hervor“, konstatiert der Bielefelder Politikwissenschaftler Dr. Philipp Wolfesberger. Er leitet, zusammen mit Dr. Estefanía Ciro Rodriguez, Direktorin der unabhängigen Forschungseinrichtung AlaOrillaDelRío in Kolumbien, der Soziologin Dr. Alke Jenss vom Arnold-Bergstraesser-Institut in Freiburg und Oswaldo Zavala, Professor für Lateinamerikanische Kulturen an der City University of New York, am ZiF die neue Long-Term Group „Dimensions of Regulation: Conceptualizing the Popular in the Drugs/Violence Nexus“.
Der erste Workshop der internationalen Forschungsgruppe fand in der letzten Woche statt: im Mittelpunkt stand die Analyse der militarisierten Narrative rund um den Kampf gegen die Drogen. „Bestimmte Sicherheitspolitiken benötigen bestimmte Narrative und diese werden auf unterschiedliche Teilbereiche der Gesellschaft ausgeweitet, der Handel mit Drogen ist einer davon“, so Wolfesberger. „‘Narco‘ wird im Englischen inzwischen für jegliche illegale Tätigkeit verwendet, die aber immer eine bestimmte Sicherheitspolitik legitimiert, die militarisierte Sicherheitspolitik.“
Diese richte sich gegen die Drogenmärkte ebenso wie gegen Terrorismus oder Migration. „Das ist immer das gleiche Wording, die gleiche Form, das Problem zu begreifen. Das ist ein riesiger blinder Fleck, denn es bedarf für jedes dieser Phänomene spezifischer Konzepte“, so der Forscher. Ein Ziel der Gruppe ist es, diese Narrative durch besser fundierte und gerechtere zu ersetzen.
(c) Universität Bielefeld/P. Ottendörfer
Die sogenannten Drogenkartelle seien vor allem eine Konstruktion der US-amerikanischen Sicherheitspolitik der 1970er und 1980er Jahre, eine Konstruktion, die bis heute dazu diene, einen einheitlichen, hierarchisierten und militarisierten Feind zu definieren, den man mit militärischer Gewalt bekämpfen müsse. Zugleich verfestigten diese Narrative und die mit ihnen einhergehenden staatlichen Überwachungsmaßnahmen Stereotypen über race, Klassen- und Geschlechterverhältnisse statt die Lebenswirklichkeit der Menschen in den Blick zu nehmen.
„Wir und viele der Forscher*innen, die wir als Fellows in die Gruppe eingeladen haben, arbeiten schon lange daran, diese Erzählungen zu widerlegen. Jetzt wollen wir den gesamten Bereich mit einer neuen Konzepte-Werkzeugkiste ausstatten.“ Eines der Konzepte in dieser Liste ist die Popularökonomie. Die Bezeichnung steht für einen Wirtschaftsbereich, der durch unbezahlte und häufig von Frauen verrichtete Arbeit gekennzeichnet ist, bei der es darum geht, das Überleben der Familie zu sichern, und die oft eher auf Solidarität und Selbstorganisation beruht als auf klassischen Wirtschaftsbeziehungen. Popularökonomie bezeichnet somit einen Bereich, in dem informell erwirtschaftetes Geld in den offiziellen Wirtschaftskreislauf eingespeist wird. Diesen Begriff möchte die Gruppe auch auf illegalisierte Märkte anwenden.
„Uns interessiert vor allem diese Grauzone zwischen Legalität und Illegalität und wie sie durch die militarisierte Sicherheitspolitik geprägt wird“, so Wolfesberger. An dieser Analyse wird die Gruppe in den kommenden Jahren arbeiten und sich dazu immer weder am ZiF treffen. „Drogenhandel, Politik und Sicherheitspolitik, das sind Themen, die sich gar nicht aus einer Disziplin begreifen lassen, da muss man interdisziplinär zusammenarbeiten.“ In den kommenden Workshops werden die Themen Maskulinitäten, Sicherheitsinfrastruktur und Governance-Struktur im Mittelpunkt stehen.
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Against the Narco Narratives
There is a connection between drug markets, violence, and state power that is as strong as it is ominous: The handling of drugs and drug trafficking—especially in the Americas—is characterized by militarized measures that can take on war-like proportions. “Yet what is commonly referred to as a drug cartel requires entirely different measures. Militarization is like pouring oil on a fire and only generates even more violence,” states Dr. Philipp Wolfesberger, a political scientist at Bielefeld University. Together with Dr. Estefanía Ciro Rodriguez, director of the independent research institute AlaOrillaDelRío in Colombia, sociologist Dr. Alke Jenss of the Arnold Bergstraesser Institute in Freiburg, and Oswaldo Zavala, professor of Latin American cultures at the City University of New York, he leads the new Long-Term group at ZiF “Dimensions of Regulation: Conceptualizing the Popular in the Drugs/Violence Nexus.”
The international research group’s first workshop took place last week: the focus was on analyzing the militarized narratives surrounding the war on drugs. “Certain security policies require certain narratives, and these are extended to various sectors of society; the drug trade is one of them,” sais Wolfesberger. “In English, ‘narco’ is now used to refer to any illegal activity, but it always serves to legitimize a specific security policy—the militarized security policy.”
This approach targets drug markets as well as terrorism and migration. “It’s always the same wording, the same way of framing the problem. That’s a huge blind spot, because each of these phenomena requires its own specific strategies,” the researcher explains. One of the research group’s goals is to replace these narratives with ones that are better-founded and more equitable.
The so-called drug cartels are primarily a construct of U.S. security policy in the 1970s and 1980s—a construct that continues to this day to serve the purpose of defining a unified, hierarchical, and militarized enemy that must be combated with military force. At the same time, these narratives and the accompanying government surveillance measures reinforce stereotypes about race, class, and gender relations rather than focusing on the realities of people’s lives, sais Wolfesberger.
“We, along with many of the researchers we have invited to join our group as fellows, have long been working to refute these narratives. Now we want to equip the entire field with a new conceptual toolkit.” One of the concepts on this list is “popular economy.” The term refers to an economic sector characterized by unpaid labor—often performed by women—that is focused on ensuring the family’s survival and is based more on solidarity and self-organization than on traditional economic relationships. “Popular economy” thus refers to a sector in which money earned informally is fed into the official economic cycle—a concept the group also intends to apply to illegalized markets.
“We are particularly interested in this gray area between legality and illegality and how it’s shaped by militarized security policy,” explains Wolfesberger. The group will be working on this analysis in the coming years and will continue to meet at ZiF for this purpose. “Drug trafficking, politics, and security policy—these are topics that can’t be understood from the perspective of a single discipline; they require interdisciplinary collaboration.” Upcoming workshops will focus on the topics of masculinities, security infrastructure, and governance structures.