Zentrum für interdisziplinäre Forschung
'Gesundheit weiter denken': das war die ZiF-Konferenz 2026
Das Gesundheitswesen steckt in einer Dauerkrise – dabei mangelt es nicht an Verbesserungsvorschlägen. Aber warum gelingt es so selten, diese auch umzusetzen? Wo sind Innovation und Verbesserung bereits gelungen? Welche Ideen sind gescheitert und woran? Wie kann man es besser machen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der ZiF-Jahreskonferenz 2026 "Gesundheit weiter denken. Prävention stärken. Inklusion leben. Transformation gestalten“, die am 4. Februar im ZiF stattfand.
Die ZiF-Jahreskonferenz ist eine interdisziplinäre, öffentliche Veranstaltung, die sich einem Thema von hoher gesellschaftlicher Bedeutung widmet. Für die Leitung der Tagung konnte das Direktorium des ZiF in diesem Jahr den Dekan der Bielefelder Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Professor Dr. Wolfgang Greiner, und die Dekanin der neuen Medizinischen Fakultät der Universität Bielefeld, Professorin Dr. Claudia Hornberg, gewinnen.
Angelika Epple, Rektorin der Universität, Marie I. Kaiser und Eleonora Rohland, Direktorinnen am ZiF, bei der Begrüßung. Alle Fotos: (c) Universität Bielefeld / P. Ottendörfer
Renommierte Expert*innen und Experten aus Wissenschaft, Politik und Praxis präsentierten und diskutierten auf der ausgebuchten Veranstaltung ihre Projekte und Positionen zur Verbesserung des Gesundheitswesens. Im Mittelpunkt standen die Themen Prävention, Inklusion, Health in all Policies und neue Versorgungsstrukturen.
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Claudia Hornberg und Wolfgang Greiner führten in das Thema ein.
Prävention
Petra Kolip, Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld, legte in ihrem Vortrag die Grundlagen: Was ist eigentlich Gesundheitsförderung, was ist Prävention? Beide haben das gleiche Ziel, so die Forscherin, die Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung. Bei der Prävention geht es um die Identifikation und Beseitigung von Risiken für Erkrankungen, also etwa Impfungen, Hygiene, Sicherheitsgurte, Schallschutzwände. Bei der Gesundheitsförderung geht es um die Ressourcen und Schutzfaktoren, die zur Gesunderhaltung beitragen. Sie präsentierte das „Zwiebelmodell“, das die unterschiedlichen Faktoren von den individuellen Veranlagungen über den Lebensstiel bis hin zu den sozioökonomischen Lebensbedingungen darstellt. Und sie betinte, es sei gar nicht so leicht, genau zu sagen, was die Qualität von Gesundheitsförderung ausmacht.
Petra Kolip bei ihrem Vortrag (auf der Folie das "Zwiebelmodell") und im Pausengespräch
Diesen Punkt vertiefte Prof. Dr. Simone Scheithauer, Direktorin des Instituts für Hygiene und Infektiologie der Universitätsmedizin Göttingen und Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie, DGHM. Sie erklärte mit einem Rückblick auf die Corona-Pandemie, wie komplex es ist, gute, belastbare Daten zu erheben, sie zu interpretieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Wie alle Präventivmedizin sei dieses Forschungsfeld "nicht sexy", so die Forscherin: Wenn es gut läuft, merkt man es daran, dass man nichts merkt. Dennoch sei es zur Stärkung der Krisenresilienz des Gesundheitswesens unverzichtbar.
Inklusion
Dr. Meike Wehmeyer, Therapeutische Leitung an der Universitätsklinik für Inklusive Medizin am Uniklinikum OWL, machte in ihrem Vortrag darauf aufmerksam, dass Menschen mit Behinderungen im Gesundheitswesen zahlreiche Hürden zu überwinden haben: sie erkranken häufiger, doch ihre Erkrankungen werden oft nicht erkannt, Beschwerden stattdessen der Behinderung zugeschrieben. Zudem können kognitive, kommunikative oder motorische Beeinträchtigungen zum Beispiel die Wahrnehmung von Arztterminen erschweren, viele Fachkräfte im Gesundheitswesen seien zudem für die besonderen Bedarfe behinderter Menschen nicht hinreichend ausgebildet. Sie präsentierte verschiedene Ansätze, auf diese Herausforderungen zu reagieren, etwa Hilfekonferenzen, bessere Vernetzung, Praktika und Fortbildungen. Ein Thema, das Dominik Urbanczyk, Inklusiver Lehr-Assistent am Uniklinikum OWL vertiefte. Er berichtete von Erfahrungen, die Menschen mit Behinderungen mit dem Gesundheitswesen machen, betonte die Bedeutung verständlicher Sprache und respektvollen Umgangs.
Meike Wehmeyer und Domnik Urbanczyk
Health in all Polices (HiaP)
Was hat die Architektur einer Stadt mit der Gesundheitsvorsorge zu tun? Eine ganz Menge, so Dr. Manuela Schade, Gesundheits- und Pflegewissenschaftlerin beim Gesundheitsamt Frankfurt am Main. So wird die Möglichkeit zu regelmäßiger Bewegung von der Umgebung beeinflusst, von Gehwegen, sicheren Radwegen, Grünflächen und kurzen Wegen zu Einkauf & Arbeit. Sind frische Lebensmittel erreichbar oder nur Fast Food? Gibt es Treffpunkte und sichere öffentliche Räume, die soziale Kontakte fördern? Lärm, Enge, Hitzeinseln, fehlende Erholungsräume erhöhen chronischen Stress und der wiederum steigert das Diabetesrisiko. Feinstaub und Abgase stehen in Zusammenhang mit Entzündungsprozessen im Körper, die Insulinresistenz begünstigen können. Stadtplanung, so Schade, hat einen massiven Einfluss auf die Gesundheit der Bürger*innen.
Die Gesundheitswissenschaftlerin Dr. Anette Christ und die Sozialwissenschaftlerin Jana Bauer (beide aus Frankfurt a.M.) betätigten diese Einsicht aus ihren Erfahrungen als Koordinatorinnen des WHO Gesunde-Städte-Netzwerks. In diesem geht es darum, Gesundheit als Querschnittsaufgabe zu fassen die Kommunen ins Zentrum der Gesundheitsförderung zu rücken. Diese könne sich zum Beispiel an den 17 Nachhaltigkeitszielen des Netzwerks orientieren, um sichere, inklusive, nachhaltige und widerstandsfähige Gesellschaften zu bilden, in denen Gesundheit und Wohlbefinden aller im Mittelpunkt stehen.
Manuela Schade, Anette Christ und Jana Bauer
Neue Versorgungsstrukturen
Was können Gemeinden, gerade auch auf dem Land tun, um die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu sichern, wenn immer mehr Arztpraxen schließen? Eine Antwort besteht darin, ein kommunales Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) aufzubauen, in dem Ärztinnen und Ärzte angestellt sind, das aber auch andere Gesundheits- und Therapieangebote umfassen kann. Mario Hecker, Bürgermeister der Gemeinde Kalletal, berichtete von den Chancen, aber auch den finanziellen, administrativen und politischen Schwierigkeiten, ein solches MVZ zu realiseren.
Dr. Tobias Pustelnik-Junker, Facharzt für Innere Medizin und medizinischer Leiter des MVZ Gesundheitscampus Monheim, nahm das Tham aus und berichtet aus ärztlicher Perspektive über die Arbeit in einem MVZ. Finanziell sei dies nicht unbedingt die lohnendste Tätigkeit, biete aber viel mehr Flexibilität und ganz andere organisatorische Möglichkeiten, auch der Kooperation mit Kolleg*innen, als der Betrieb einer eigenen Praxis.
Mario Hecker und Tobias Pustelnik-Junker
Abgerundet wurde das Programm durch eine Podiumsdiskussion mit Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW, und Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, moderiert von Prof. Dr. Wolfgang Greiner und Prof. Dr. Claudia Hornberg.Hier wurden die Themen des Tages noch einmal aufgegriffen. Diskutiert wurden auch die Finanzierbarkeit des Gesundheitswesen, die Aubildung von Mediziner*innen, die Belastung der Beschäftigten im Gesundheitswesen und anstehende Reformen, etwa eine Strukturreform der ambulaten Versorgung mit einer anderen "Patientensteuerung".
Diskussion mit Wolfgang Greiner, Karl-Josef Laumann, Klaus Reinhardt und Claudia Hornberg
Die Aufzeichnungen von Vorträgen der ZiF-Jahreskonferenz sind in Kürze auf dem YouTube-Kanal des ZiF zu sehen.