Abt. Geschichtswissenschaft
Filmpremiere und Vernissage der Projektausstellung zu postkolonialen Erinnerungen im Historischen Museum Bielefeld
Am 10.07.2025 wurde im „Gässchen“ des Historischen Museums Bielefeld erstmals das interaktive Filmprojekt zu postkolonialen Erinnerungen in Ostkamerun und Ostwestfalen-Lippe vorgestellt. Gleichzeitig wurde eine Projektausstellung zum Film sowie eine kritische postkoloniale Intervention in die Dauerausstellung eröffbnet, die die Studierenden unter der Leitung von Dr. Caroline Authaler entwickelt haben. Beides ist im Historischen Museum noch bis Herbst 2027 zu sehen.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Premiere des Films. Anders als ein klassischer Dokumentarfilm folgt das Projekt keiner linearen Erzählung, sondern besteht aus einzelnen Clips, durch die sich die Besucherinnen und Besucher selbst bewegen können. Das Format soll dazu anregen, sich eigenständig mit kolonialen Spuren, Erinnerungskulturen und unterschiedlichen Perspektiven auseinanderzusetzen. Zur Einführung wurden ausgewählte Ausschnitte aus dem Film gezeigt. Sie vermittelten einen Einblick in die Recherchen der Studierenden. Zu sehen waren unter anderem Szenen aus dem Herforder Kreisarchiv, in denen der kritische Umgang mit kolonialen Quellen thematisiert wird, sowie Aufnahmen aus Ostkamerun, die bauliche Überreste und umgenutzte Gebäude aus der deutschen Kolonialzeit dokumentieren. „Es steckte wahnsinnig viel Arbeit dahinter: intellektuelle, kommunikative und soziale Arbeit. Wir sind sehr froh über das Ergebnis und die Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen und Studierenden aus Kamerun. Es ist ein Schritt in die Richtung, Kolonialgeschichte gemeinsam zu bearbeiten“, sagte Projektleiterin Authaler. Sie würdigte besonders das Engagement der beteiligten Studierenden.
In der anschließenden Podiumsdiskussion, die von der Düsseldorfer Historikerin Yagmur Karakis moderiert wurde, diskutierten die Studierenden Viola von Lochow und Jonas Köllinger, die Teil des Projektteams waren, mit Malick Koutou vom Verein Afrika Wakati e.V. in Bielefeld und Patrizia Höfer von der Initiative Bielefeld postkolonial über die Bedeutung der Kolonialgeschichte in der Gegenwart. Koutou betonte die Bedeutung einer Auseinandersetzung auf Augenhöhe zwischen Nachkommen ehemals kolonisierter Gesellschaften und ehemaligen Kolonialmächten: „Es gibt viel worüber wir reden müssen. Folgen von Koloniegeschichte, warum viele nach Europa kommen wollten etc. wir brauchen afrikanische Expertise, afrikanische Vereine bei diesen Themen.“ Zugleich verwies er auf die Nachwirkungen kolonialer Denkmuster im Alltag. Auch nach 18 Jahren in Bielefeld erlebe er weiterhin rassistische Zuschreibungen und Fragen nach seiner Herkunft: „Wenn es multikulturell sein soll, muss mehr Farbe rein!“ Höfer von Bielefeld postkolonial unterstrich die Bedeutung unterschiedlicher Perspektiven in der Aufarbeitung kolonialer Geschichte. Es sei wichtig, bestehende Erzählweisen kritisch zu hinterfragen und den bislang dominierenden weißen Blick auf das Thema zu überdenken. Sie unterstrich die Bedeutung echter Zusammenarbeit: „Für die Zukunft wünsche ich mir einen weiterhin guten Austausch. Projekte, die an der Uni laufen auch auf ehrenamtliche Gruppen zugehen und diese integrieren, was teils passiert. Was ich mir wünsche ist, dass wir alle nicht mit Wissen zu den Kollegen gehen, sondern viel mehr fragen.“ Die am Projekt beteiligten Studierenden reflektierten ihre Erfahrungen. Köllinger erklärte, die intensive Beschäftigung mit dem Thema habe seinen Blick über das Studium hinaus geschärft: „Kolonialismus ist ein Forschungsschwerpunkt in meinem Studium geworden. Wenn man damit arbeitet, wird man auch im Alltag aufmerksamer dafür.“ Von Lochow hob hervor, dass vielen Studierenden im Projekt die Tragweite des Themas und zugleich das eigene geringe Vorwissen zum deutschen Kolonialismus bewusst geworden seien. Umso wichtiger sei es, die Auseinandersetzung fortzusetzen und die überlieferten Narrative kritisch zu hinterfragen.In der Diskussion wurde zudem deutlich, dass der Austausch mit Partnern aus Kamerun für das Projekt von großer Bedeutung ist, in der praktischen Umsetzung jedoch mit Herausforderungen verbunden bleibt. Mehrere Beiträge machten deutlich, dass die Veranstaltung nicht als Abschluss, sondern als Anstoß für eine weitere vertiefte Beschäftigung mit kolonialer Geschichte verstanden wurde.
Beitrag von Elif Okcu