NEOLAiA
Lehre ohne Grenzen: Wie internationale BIPs neue Perspektiven eröffnen
Studierende aus mehreren europäischen Ländern diskutieren gemeinsam historische Narrative und arbeiten in internationalen Teams an Forschungsfragen. Formate wie Blended Intensive Programmes (BIPs) oder Spring Schools machen diese Form der Zusammenarbeit möglich. Für Lehrende bieten sie zugleich die Gelegenheit, neue Lehrmethoden auszuprobieren und gemeinsam mit internationalen Kolleg*innen innovative Lehrformate zu entwickeln. Zwei Bielefelder Lehrende aus der Geschichtswissenschaft, Dr. Bettina Brandt und Dr. des. Anna Horstmann, berichten im Gespräch von ihren Erfahrungen mit diesen Mobilitätsformaten innerhalb der Hochschulallianz NEOLAiA. Sie erzählen, was sie motiviert hat teilzunehmen, welche Eindrücke sie aus der Zusammenarbeit mit internationalen Studierenden und Kolleg*innen mitgenommen haben und welche Impulse sie für ihre eigene Lehre daraus gewinnen konnten.
An welchem Mobilitätsformat innerhalb von NEOLAiA haben Sie teilgenommen? Und was haben Sie konkret gemacht?
Bettina Brandt:
Zwischen April und Mai 2024 habe ich ein Blended Intensive Program (BIP) zum Thema „From National to Global Dynamics? De-constructing Historical Narratives in 19th and 20th Century Europe“ zusammen mit Kolleg*innen der NEOLAiA-Partneruniversitäten Örebro, Ostrava und Tours unterrichtet. Nach drei Online-Workshops und der Begleitung der Studierenden in Team- und Selbstlernphasen haben wir uns vom 22. bis 27. April 2024 an der Universität Örebro getroffen und intensiv über europäische Geschichtsnarrative in der Moderne diskutiert.
Zuvor war ich im Herbst 2022 ebenfalls im Rahmen der NEOLAiA-Allianz individuell als Gastdozentin an die School of Humanities, Education and Social Sciences der Universität Örebro in Schweden eingeladen. Dort habe ich, eingebettet in Kurse meiner Kollegin Izabela Dahl aus Örebro, in einem Methodenkurs mit Lehramtsstudierenden über Theorien und Methoden der Historischen Bildwissenschaft diskutiert.
Aktuell unterrichte ich mit Kolleg*innen – teils aus dem vorigen BIP, teils mit neu hinzugekommenen Kolleg*innen der Universität Suceava in Rumänien – ein neues BIP zum Thema „Alternative Historiographies“, in dessen Rahmen wir vom 21. bis 27. März 2026 an der Universität Tours zusammenkommen. Die thematische Weiterentwicklung der gemeinsamen BIPs zur Geschichtsschreibung in Europa und ihren globalen Dimensionen finde ich inspirierend. Vor dem Hintergrund der bisherigen Erfahrung können wir neue BIPs strukturierter vorbereiten und gewinnen mit neuen Kolleg*innen auch andere Perspektiven und Herangehensweisen an das Thema hinzu. So entsteht innerhalb der Allianz ein gemeinsamer Rahmen, in dem sich Expertise und Impulse der Partner bereichern.
Dr. Bettina Brandt
Anna Horstmann:
Ich habe als Lehrende an einer Spring School vom 3. bis 7. März 2025 an der Universität Ostrava teilgenommen. Das Format war ebenfalls ein Blended Intensive Programme (Erasmus+) mit vorangestellten Online-Sessions und einer On-Site-Week.
Teilgenommen haben Studierende der Universitäten Bielefeld, Tours, Örebro und Ostrava – fortgeschrittene BA-Studierende, vor allem aber Masterstudierende. Das Thema lautete „Re-shaping States, Identities and Cultures: Dynamic History Teaching and Learning in Border Regions“. Ich habe gemeinsam mit einem Kollegen aus Örebro eine Online-Session gehalten sowie vor Ort gelehrt und Exkursionen begleitet.
Was hat Sie motiviert, diese Mobilitätsform innerhalb von NEOLAiA zu wählen?
Bettina Brandt:
Das Co-Teaching eines BIPs und auch die individuelle Gastdozentur finde ich attraktiv, weil sie es erlauben, in kurzer Zeit intensiv Lehrerfahrungen in einem anderen akademischen Setting zu machen. Im Austausch mit den Kolleg*innen der Partneruniversitäten gewinne ich Anregungen für meine eigene Lehre, das ist eine sehr lebendige, wertvolle Erfahrung.
Außerdem finde ich es spannend, welche Vielfalt an Fragen, Sichtweisen und Wissen durch Studierende und Lehrende aus fünf, sechs europäischen Universitäten im Rahmen eines BIPs zusammengetragen wird. Das sensibilisiert uns für die Unterschiede, aber auch die Verflechtungen historischer Erfahrungen und erweitert unsere Themen, Problemstellungen und Methoden. Die Studierenden motiviert das ebenso – einige nehmen schon zum zweiten Mal an einem BIP teil.
Anna Horstmann:
Ich hatte das Glück, auf eine bereits bestehende Kooperation zurückgreifen zu können. Für mich persönlich war es sehr attraktiv, als einigermaßen frischer PostDoc internationale und englischsprachige Lehrerfahrung sammeln zu können.
Gerade so ein kurzer Aufenthalt hat sich für mich gut in den Arbeitsalltag integrieren lassen, ohne dass ich andere Projekte umplanen musste. Auch das Co-Teaching war für mich ein neues Format, das ich sehr bereichernd fand.
Dr. des. Anna Horstmann
Was fanden Sie besonders überraschend?
Bettina Brandt:
Mich hat überrascht, wie produktiv Studierende aus unterschiedlichen sprachlichen und geschichtskulturellen Kontexten zusammengearbeitet, Forschungsfragen entwickelt, Quellen untersucht und Präsentationen erarbeitet haben. Für alle ist es eine Umstellung, sich englischsprachig im Fach zu verständigen; das lässt aber auch über nationale Begriffsbildungen und deren historische Prägungen nachdenken.
Umgekehrt profitieren gemischte Arbeitsgruppen von den vielfältigen Sprachkenntnissen, die da zusammenkommen, sodass mehrsprachige Quellenpools gemeinsam analysiert werden konnten. Ein Highlight ist es, wenn Studierende neugierig sind auf unterschiedliche historische Blickwinkel und gemeinsam kritisch über einseitige, national oder eurozentrisch verengte historische Narrative reflektieren.
Anna Horstmann:
Es hat mich sehr gefreut, wie schnell die Studierenden ihre anfänglichen Sprachbarrieren hinter sich gelassen haben und miteinander ins Gespräch gekommen sind – sowohl während der Seminare und Exkursionen als auch in der knappen Freizeit. Der Austausch, der für viele Studierende bei ganzen Erasmus-Semestern der wichtigste Teil des Auslandaufenthalts ist, hat also selbst bei dieser kurzen Zeit sehr gut funktioniert.
Auch mir selbst hat der Austausch mit den Studierenden und vor allem den anderen Lehrenden sehr viel Spaß gemacht. Vor allem der Vergleich der Lehrmethoden war durchaus überraschend. Und trotz der verschiedenen Lehrstile haben es alle Studierenden geschafft, sich in das Seminar einzubringen – auch wenn sie aktive Mitarbeit von ihrer Heimatuniversität gar nicht gewohnt waren.
Was haben Sie von der Mobilität für Ihre Tätigkeit als Lehrende mitgenommen?
Bettina Brandt:
Die Woche an einer europäischen Gastuniversität, die das „Intensive“ des Blended Intensive Programs ausmacht, hat Alltagsroutinen durchbrochen und mich an Wesentliches erinnert: sich Zeit für das Gespräch mit den Studierenden zu nehmen, Projektarbeit in die Lehre einzubinden, etwas auszuprobieren, was ich bei meinen Kolleg*innen gesehen habe, und internationale Forschungsansätze sowie englischsprachige Literatur noch selbstverständlicher in das Lehrprogramm einzubauen. Damit bleibt Lehre ja auch für mich reizvoll.
Anna Horstmann:
Offen sein für neue Formate und experimentellere Lehrveranstaltungen. Ich habe immer viel Spaß an der Lehre, aber trotz der sich einschleichenden Routinen neue Dinge ausprobieren zu können, war sehr bereichernd.
Auch das Format des Co-Teaching hat mich sehr überzeugt – das werde ich übernächstes Semester mit einem Kollegen von der Universität Bielefeld noch einmal machen. Es ermöglicht einfach, mehr Perspektiven und Expertisen in die Lehrveranstaltung einzubringen und eine engere Betreuung der einzelnen Studierenden.
Online-Workshop zum Thema BIP-Organisation
Am 17. März können Bielefelder Lehrende, die sich für die Organisation eines Blended Intensive Programms oder einer virtuellen Kurses interessieren, am einem Online-Workshop teilnehmen. Das Angebot richtet sich explizit auch ein englischsprachige Lehrende.