NEOLAiA
Forschung im Dialog: Drei Fragen an Prof. Patrik Winton
Über die Europäische Hochschulallianz NEOLAiA wurde der Senior Lecturer Patrik Winton von der Universität Örebro auf die Universität Bielefeld als intellektuell anregenden Ort für seine Forschung aufmerksam. Während seines einmonatigen Aufenthalts als Gastwissenschaftler arbeitet er an seinem aktuellen Buchprojekt und tauscht sich mit Kolleg*innen der Abteilung Geschichtswissenschaft der Universität Bielefeld aus. Außerdem ist er Partner der gemeinsamen Blended Intensive Programme (BiP)-Reihe European History, Memory and Historiography. Wir haben mit dem schwedischen Historiker über seinen Aufenthalt in Bielefeld, die Rolle akademischer Netzwerke für die internationale Zusammenarbeit und den Mehrwert europäischer Forschungspartnerschaften gesprochen.
Sie sind derzeit im Rahmen der Europäischen Hochschulallianz NEOLAiA zu Gast an der Universität Bielefeld. Was hat Sie an diesem Austausch besonders interessiert, und wie unterstützt Ihr Aufenthalt Ihr aktuelles Forschungsprojekt?
Patrik Winton: Was mich an einem Aufenthalt an der Universität Bielefeld besonders angesprochen hat, war die Möglichkeit, Zeit zum Schreiben mit der Gelegenheit zu verbinden, mehrere zentrale Themen mit Wissenschaftler*innen aus allen Bereichen der Geschichtswissenschaft zu diskutieren. Die Abteilung Geschichtswissenschaft bietet so viele interessante Kolloquien, Workshops und Konferenzen an. Auch wenn ich nicht an jeder Veranstaltung teilnehmen konnte, haben mir die besuchten Formate neue Einsichten und Perspektiven für die Interpretation der Vergangenheit eröffnet. Mein aktuelles Forschungsprojekt habe ich im Kolloquium für Mittelalter und Frühe Neuzeit vorgestellt. Dort erhielt ich viele hilfreiche Fragen sowohl von Studierenden als auch von Mitgliedern der Fakultät, die meine Arbeit am Buch sehr bereichert haben.
Während Ihres Aufenthalts in Bielefeld arbeiten Sie an Ihrem Buchprojekt The Rise and Fall of the Swedish Fiscal-Military State, c. 1700–1850. Worum geht es darin, und warum ist dieses Thema aus Ihrer Sicht auch heute noch relevant?
Patrik Winton: Das Buch untersucht zwei Entwicklungen. Zum einen geht es um die zunehmende Nutzung von Krediten zur Finanzierung von Kriegen im 18. Jahrhundert. In Schweden wurde es – ebenso wie in vielen anderen europäischen Staaten – notwendig, Finanzinstrumente wie Papiergeld und Staatsanleihen einer breiteren Bevölkerung zugänglich zu machen, um die Kriegsführung finanzieren zu können. Der Aufstieg der Finanzmärkte beeinflusste dabei nicht nur die internationalen Beziehungen und die wirtschaftliche Lage der kriegführenden Staaten, sondern veränderte auch bestehende Machtverhältnisse. Der zweite Schwerpunkt des Projekts befasst sich mit der Entscheidung Schwedens, das System der staatlichen Kreditaufnahme nach 1815 schrittweise abzubauen, und damit, wie diese Entwicklung zu einem Wandel in der schwedischen Außenpolitik beitrug. Anstatt sich weiterhin an groß angelegten Kriegen zu beteiligen, verfolgte der Staat eine Politik der Neutralität und investierte die verfügbaren Ressourcen im 19. Jahrhundert verstärkt in Infrastruktur und den Ausbau der allgemeinen Bildung. Finanzmärkte spielen auch heute eine zentrale Rolle. Staaten, Unternehmen und Privatpersonen sind auf Kredite angewiesen, um Unterschiede zwischen Einnahmen und Ausgaben auszugleichen. Um zu verstehen, wie diese Märkte funktionieren und welche Auswirkungen sie auf die Gesellschaft haben, ist es wichtig zu untersuchen, wie diese Prozesse in der Vergangenheit abliefen. Die Analyse historischer Zusammenhänge hilft dabei, die Funktionsweise der heutigen komplexen globalen Finanzmärkte besser zu verstehen und zu entmystifizieren.
Eines der Ziele von NEOLAiA ist es, die internationale Zusammenarbeit in Forschung und Lehre zu stärken. Welche Chancen sehen Sie in europäischen Hochschulallianzen wie dieser – sowohl für Forschende als auch für Studierende?
Patrik Winton: Ich denke, dass europäische Hochschulallianzen eine hervorragende Möglichkeit bieten, sowohl Forschenden als auch Studierenden den Zugang zu internationaler Zusammenarbeit zu erleichtern. Damit internationale Kooperation erfolgreich funktioniert, müssen Beziehungen nicht nur auf administrativer Ebene aufgebaut werden, sondern vor allem auf der Ebene der einzelnen Wissenschaftler*innen. Es ist entscheidend, den Austausch zwischen Forschenden zu fördern, die sich mit ähnlichen Themen und Fragestellungen beschäftigen und gemeinsam Lehrveranstaltungen, Workshops und Forschungsprojekte entwickeln können, die die Zusammenarbeit nachhaltig stärken. Ich glaube, dass der Erfolg unseres Blended Intensive Programme im Fach Geschichte gerade auf diesem Bottom-up-Ansatz beruht.
Gleichzeitig hat die NEOLAiA-Allianz einen äußerst wertvollen Rahmen geschaffen, in dem sich diese Zusammenarbeit entfalten konnte. Ohne NEOLAiA hätten sich die Beziehungen zwischen den Geschichtswissenschaften in Bielefeld, Örebro, Ostrava, Suceava und Tours meiner Einschätzung nach nicht in dieser Form entwickelt. Darüber hinaus bieten Blended Intensive Programmes Studierenden eine hervorragende Gelegenheit, erste Erfahrungen mit internationaler Zusammenarbeit zu sammeln. Besonders wertvoll ist dieses Format für Studierende, die sich möglicherweise noch nicht auf ein längeres Austauschprogramm einlassen möchten. Es ermöglicht ihnen, internationale Zusammenarbeit kennenzulernen und davon zu profitieren, ohne sich gleich für einen längeren Auslandsaufenthalt entscheiden zu müssen.
Professor Dr. Patrik Winton von der Universität Örebro war in der Bielefelder Geschichtswissenschaft zu Gast. Foto: Nienhaus